Mit gepanzerten Fahrzeugen, Artillerie und arabischen Söldnern versucht die türkische Armee derzeit, den kurdischen Gegner in Nordsyrien möglichst rasch zu besiegen.

Im Zentrum der Kämpfe standen zuletzt die beiden Grenzstädte Ras al Ain und Tall Abyad, die beide eingekesselt sein sollen. Die 120 Kilometer dazwischen sind heftig umkämpft. Die türkische Propaganda vermeldet die Eroberung weiter Gebiete, Kampfjets greifen Stellungen der kurdischen YPG aus der Luft an. Elf Dörfer waren am Freitag in Händen der türkischen Armee, zwei wurden von den Kurden wieder zurückerobert.

Die Zahl der Todesopfer steigt sprunghaft an, 100.000 Menschen sind auf der Flucht. Jetzt hat Ankara auch auf dem Schlachtfeld den ersten Gefallenen zu beklagen, wobei die Zahl der getöteten Kurden deutlich höher liegt. Der Blutzoll bei den arabischen Verbündeten der türkischen Streitkräfte ist ebenfalls beträchtlich. Auf beiden Seiten der Grenze gibt es zivile Opfer. In der türkischen Stadt Suruc starben zwei Menschen, als eine Granate aus Syrien detonierte. In der kurdischen Stadt Qamishli explodierte eine Autobombe, es gab Tote. Urheber des Anschlags ist offensichtlich der IS, der seine Aktivitäten verstärkt. Kurdische Quellen berichten, dass fünf IS-Kämpfer aus einem Gefängnis, das von den Türken beschossen wurde, entkommen konnten.

Kurden leisten erbitterten Widerstand

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Die kriegsgewohnten Kurden leisten erbitterten Widerstand. Sie nutzen Tunnel, Gräben und Wälle, um den türkischen Vormarsch aufzuhalten. Viele YPG-Kämpfer sind von US-Militärberatern ausgebildet und verfügen über amerikanische Waffen wie Maschinengewehre, gepanzerte Fahrzeuge und Nachtsichtgeräte. Letztere sind wichtig, weil die türkischen Einheiten ihren Vormarsch auch bei Nacht fortsetzten.

Dazu kommt, dass die Kurden jeden Quadratmeter des Territoriums, das sie verteidigen, kennen. Nach dem Beginn des syrischen Bürgerkrieges 2011 hat die Minderheit eigene Schulen gebaut, es gibt eine eigene Polizei und ein kurdisches Parlament. Das wird jetzt verbissen verteidigt, auch wenn der Kampf mit der türkischen Armee für die YPG militärisch nicht zu gewinnen ist.

Ziel der Türkei ist es, einen Sicherheitskorridor zu schaffen und dort syrische Flüchtlinge aus der Türkei unterzubringen. Erdogan will sich damit eines Problems entledigen, wegen dem er innenpolitisch unter Druck steht. Zudem befinden sich an der türkischen Grenze Gefangenenlager mit tausenden IS-Kämpfern, die freikommen könnten. Man werde die Verantwortung für die IS-Gefangenen übernehmen, sobald man die Lager erreicht habe, heißt es in Ankara. Die Türkei werde die Heimatländer ausländischer IS-Angehöriger auffordern, diese zurückzunehmen. Sollten sich diese weigern, wie das viele täten, dann sei es die Aufgabe der Türkei, dafür zu sorgen, dass die IS-Kämpfer nicht freikämen.

Der Feldzug birgt weitere Risiken, die nicht zu unterschätzen sind. Experten gehen davon aus, dass es vermehrt Anschläge in der Türkei geben könnte, wenn sich die PKK sich in Solidarität mit den syrischen Kurden übt. Die letzten PKK-Anschläge in türkischen Großstädten gab es 2016.

US-Kongress bereitet Sanktionen vor

Das andere große Risiko geht von angedrohten Sanktionen der USA aus. Senatoren im US-Kongress bereiten sie vor, schon in der kommenden Woche wollen sie den Entwurf in den Senat einbringen - und sie rechnen mit einer breiten Mehrheit. Präsident Donald Trump, der zuletzt US-Truppen aus Nordsyrien abziehen ließ und den türkischen Einmarsch erst ermöglichte, will jetzt einen "Deal" zwischen Türken und Kurden erreichen. Ein Vorstoß, der nicht allzu ernst genommen wird.

Zudem stellt sich die Frage, warum der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gerade jetzt Nordsyrien besetzen lässt. Eine These lautet, dass Erdogan immer dann einen Krieg beginnt, wenn er innenpolitisch in Bedrängnis ist. Seine AKP hat zuletzt die Kontrolle über Istanbul verloren, in der AKP machen sich zentrifugale Kräfte deutlich bemerkbar.

Erdogans allumfassender Kriegsbegeisterung darf sich niemand entziehen - es sei denn, er nimmt seine Verhaftung in Kauf. Die nationalistische Propaganda läuft auf Hochtouren, Kritik ist unerwünscht.