Einen neuen digitalen Feudalismus konstatiert der Geschäftsführer und künstlerische Leiter der Ars Electronica, Gerfried Stocker, in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Feudalismus hat so lange funktioniert, als die Lehensherren in ihrer Welt der Burgen und Stadtmauern die Städte und Dörfer schützen konnten. Diese Herrschaftsform ist zusammengebrochen, als im Gefolge der Industriellen Revolution die Lehensherren dieses Schutzversprechen nicht mehr einhalten konnten. Die Menschen sagten sich: ‚Wenn die nicht mehr schützen können, dann brauchen wir sie nicht mehr.‘ Heute lautet die Frage: Wer kann uns in dieser digitalen Welt schützen? Das Aufkommen der starken Männer mit ihrem idiotischen einfachen Lösungen ist ein Zeichen dafür, dass viele das Vertrauen verlieren, dass die Demokratie, so wie wir sie heute haben, der beste Schutz der Gesellschaft ist."

Die Macht der Algorithmen

Man muss sich die schiere Kapitalmacht der IT-Industrie vor Augen halten: Im Jahr 2018 haben die vier größten Internet-Giganten Google, Facebook, Amazon und Microsoft 77,6 Milliarden Dollar investiert. Das ist eine höhere Investitionssumme als jene der vier größten Ölkonzerne der Welt - Shell, Exxon, BP und Chevron (diese haben im selben Jahr 71,5 Milliarden Dollar investiert). Der Umsatz dieser Big-Four-Datenkonzerne entspricht dem Bruttoinlandsprodukt Österreichs plus der Nachbarländer Slowakei und Slowenien.

Stocker konstatiert einen neuen digitalen Feudalismus. Die Nutzerrichtlinien von Mark Zuckerberg (Facebook) oder Larry Page und Sergey Brin (Google) haben in diesem digitalen Feudalismus mehr Gewicht als die Regeln des Rechtsstaats. In dieser gar-nicht-mehr-so-schönen neuen Welt geht von einem weiblichen Nippel auf einem harmlosen Foto auf Facebook eine größere Gefahr aus als von rechtsextrem-xenophoben und antisemitischen Verhetzungsparolen, von Gewaltfantasien terrorbereiter Dschihadisten oder von verschwitzt-aggressiven Vergewaltigungsdrohungen misogyner Frauenhasser. Amerikanischer Puritanismus schlägt europäisches Körperbewusstsein, während gleichzeitig das Hohelied auf den ersten Zusatz der US-Verfassung gesungen wird, der der Redefreiheit als höchstes Gut zelebriert - selbst zum Preis der Erniedrigung andersdenkender.

Die digitalen Landlords haben ihre Claims abgesteckt, wie zur Zeit des Augsburger Religionsfriedens (1555) oder des Westfälischen Friedens (1648). Damals galt die einfache Formel: "Cuius regio, eius religio - wes der Fürst, des der Glaub’). In Zuckerbergs Reich gelten eben Zuckerbergs Gesetze, auf den Google-Plattformen jene der Entscheider in Mountain View, Kalifornien. "Genau diese Ideologie haben wir heute auch wieder. Heute heißt es: Die Regeln bestimmt der, auf dessen Cloud-Server Du Dich gerade herumtreibst", sagt Stocker.