"Wiener Zeitung": Herr Raskin, Sie arbeiten im Silicon Valley und anderswo mit Ihrem Center for Humane Technology Lobbying dafür, dass in der heutigen Tech-Welt der Faktor Mensch wieder in den Mittelpunkt rückt.

Aza Raskin: Der Biologe Edward O. Wilson hat einmal treffend über die menschliche Natur gesagt: Wir verfügen über paläolithische Emotionen, mittelalterliche Institutionen und gottgleiche Technologien. Wir sind Schimpansen, die sich - was ihre geistige Konstitution betrifft - nur ein klein wenig weiterentwickelt haben, die aber über Laserwaffen und Atombomben verfügen. Die Futurologen denken heute über Singularität nach . . .

Singularität markiert jenen Zeitpunkt, ab dem Roboter und künstliche Intelligenzsysteme sich ohne weiteres Zutun von Menschen weiterentwickeln können . . .

. . . genau, die nächste technologische Revolution. Ich bin der Meinung, dass wir nicht allzu sehr auf diesen - noch ein Stück weit entfernt gelegenen - Singularitäts-Zeitpunkt fixiert sein sollten. Denn: Wenn man eine Burg erobern will, greift man dann am stärksten oder am schwächsten Punkt der Verteidigungsanlagen an? Man sollte daher beim Vergleich Mensch-Maschine am schwächsten Punkt des Menschen ansetzen. Wir müssen uns bei unseren Technologie-Debatten eben auch mit der menschlichen Natur auseinandersetzen.

Sind Menschen der modernen IT-Technologie schlicht nicht mehr gewachsen?

Die Stichworte lauten: Reizüberflutung, Informationsüberflutung, Suchtgefühl nach dem Mobiltelefon. Ist es nicht auffällig, wie die Menschen ihre Mobiltelefone fast schon zärtlich berühren und streicheln, als wären diese Dinger der oder die Geliebte? Diese Geräte, die uns eigentlich zu Diensten sein sollten, herrschen nun über uns.

Wie kam es dazu?

Das Business Modell der wichtigsten Silicon Valley Firmen ist die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Und diese Aufmerksamkeitsökonomie war fast zwingend auf eine Gratis-Strategie angewiesen. Die erfolgreichen Internet-Unternehmen sind die, die Menschen als Ressourcen nützen können. Doch dieses ständige Buhlen um Aufmerksamkeit führt dazu, dass man - wenn man mehr unterbrochen wird - schwerer klare Gedanken fassen kann, weniger Bücher liest, weniger nuanciert argumentiert. So haben es lautere und extremere Positionen leichter. Unser technologisches Upgrading führt zu menschlichem Downgrading.