In Nordsyrien ist nichts mehr wie es war, seit sich US-Präsident Donald Trump entschieden hat, die dort stationierten GIs abzuziehen. Hier einige Fragen und Antworten zu den jüngsten, dramatischen Entwicklungen.

Leidtragende sind in erster Linie Zivilisten. 275.000 Menschen sind laut kurdischen Angaben wegen der Invasion auf der Flucht, darunter 70.000 Kinder. Verlierer sind die Kurden, die von den USA im Stich gelassen wurden und nun mit der militärisch überlegenen türkischen Armee konfrontiert sind. Verlierer sind auch die USA. Viele empfinden ihren Abzug als Schmach und fühlen sich an den Vietnamkrieg erinnert. Die USA sind nun auf der Weltbühne strategisch geschwächt. Sieger ist Russland, das die einzig verbliebene Großmacht im syrischen Raum ist. Präsident Wladimir Putin laviert geschickt zwischen dem Verbündeten Damaskus und dem Partner Türkei. Ob sich die Invasion für Ankara langfristig als Vorteil erweist, wird man sehen.
Die Kämpfer der kurdischen YPG sind nicht zu unterschätzen. Erfahrene türkische Offiziere wissen das und haben entsprechend Respekt. Nach jahrelangen Kämpfen gegen den IS sind die Kurden kriegserprobt. Dazu kommt, dass sie ein Territorium verteidigen, das sie als ihre Heimat betrachten und wo die Kurden bereits eine autonome Selbstverwaltung etabliert haben. Zudem sind die Kurden von den USA und auch von europäischen Ländern mit modernen Gewehren, Fahrzeugen und Material wie etwa Nachtsichtgeräten ausgestattet worden. Sie sind weiter zu Gegenoffensiven fähig. So haben sie am Dienstag - zumindest kurzfristig - die Grenzstadt Ras al-Ain zurückerobert, die zuvor unter der Kontrolle der Türken gewesen war.
Die Türkei hat bereits vor längerer Zeit syrische Rebellengruppen auf ihre Seite gebracht. Es handelt sich dabei um die "Syrische Nationale Armee" (SNA). Dort finden sich Einheiten der "Freien Syrischen Armee", jene gemäßigte Gruppierung, die einst Hoffnungsträger des Westens im Kampf gegen Machthaber Bashar al-Assad war. Für die Türkei kämpfen aber auch radikal-islamistische Verbände als eine Art türkische Fremdenlegion. Es ist bereits erwiesen, dass die Verluste unter den arabischen Verbündeten der Türkei ungleich höher sind als bei der türkischen Armee.
Der türkische Vize-Außenminister Faruk Kaymakci hat gegenüber der "Wiener Zeitung" gesagt, dass man nicht vorhabe, das Grenzland zu Syrien dauerhaft zu okkupieren. Die Gefahr besteht, dass die Kurden einen Guerillakrieg in Gang setzen, der auf beiden Seiten zahlreiche Opfer fordert. In der Türkei hat die PKK auf derartige Methoden zurückgegriffen. Resultat ist ein Dauerkonflikt, der zehntausende Tote gefordert hat. Dass sich das jetzt in gleichem Ausmaß wiederholt, ist nicht anzunehmen. Hilfreich wäre ein politischer Prozess, der für eine Annäherung sorgt. Dabei hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Vergangenheit schon Schritte zur Versöhnung gesetzt. Davon ist man nun wieder weit entfernt.
Syriens Machthaber Bashar al-Assad kontrolliert wieder einen Großteil des Landes. Die Rebellen, darunter viele Islamisten, wurden in den vergangenen Jahren sukzessive aus ihren Hochburgen verdrängt. Assads Gegner halten nur noch die Stadt und Provinz Idlib, wo die syrische Armee zuletzt ebenfalls Angriffe gestartet hat.
Schon auf den ersten Blick sind die Folgen des Abzugs ein einziges Fiasko für die USA. Washington verliert seinen strategischen Einfluss in der Region. Der Kampf gegen den IS war bereits zu einem großen Teil abgeschlossen, die erzielten Erfolge werden jetzt wieder in Frage gestellt. Die Gegner Washingtons auf der Weltbühne, Russland und der Iran, können ihr Glück noch nicht fassen. Sie stoßen in die Lücken vor, die die Amerikaner hinterlassen. Zudem gerät Trump in Washington von Demokraten wie Republikanern unter Beschuss. Eine Situation, die er angesichts eines drohenden Absetzungsverfahrens nicht brauchen kann. Trump will mit seinem Vorgehen ein Versprechen einlösen, das er seinen Anhängern vor einiger Zeit gegeben hat: So viele GIs wie möglich nach Hause zu bringen. Denn der Einsatz der Soldaten an den verschiedenen Kriegsschauplätzen, so Trump, bringen den USA außer hohen Kosten nichts.
Experten warnen vor dieser Gefahr für Europa. Hier habe man sich lange geweigert, seine Staatsbürger, die auf der Seite des IS in den Krieg gezogen sind, zurückzunehmen. Jetzt steige die Gefahr, dass die Dschihadisten unkontrolliert zurückkämen.
Hier steht die achte Antwort.