US-Vizepräsident Mike Pence und US-Außenminister Mike Pompeo haben sich am Donnerstag in der türkischen Hauptstadt Ankara um Schadensbegrenzung bemüht. Ihr Auftrag war es, Präsident Recep Tayyip Erdogan von einem Abbruch der türkischen Militäroffensive gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) zu überzeugen. Es gilt, die Wogen zu glätten, nachdem Präsident Donald Trump Anfang des Monats mit dem US-Abzug aus Nordsyrien einen außenpolitischen Sturm losgetreten hatte. Mit dem Rückruf hatte er das Feld für die lang angedrohte türkische Invasion im südlichen Nachbarland frei gemacht. Seither muss er sich an der Heimatfront und in Europa gegen Vorwürfe verteidigen, die mit den USA verbündeten syrischen Kurden an die Türkei ausgeliefert zu haben.

Um 14.30 Uhr (13.30 Uhr MESZ) empfing Erdogan Trums Vize. Der Empfang im Präsidentenpalast in Ankara fiel sehr unterkühlt aus. Trump schickte ein ganzes Geschütz los: Pences Delegation gehören auch Außenminister Mike Pompeo, der Nationale Sicherheitsberater Robert O'Brien und der US-Sonderbeauftragte für die Anti-IS-Koalition, James Jeffrey, an.

"Unsere Mission ist es zu sehen, ob wir eine Waffenruhe erreichen können, ob wir verhandeln können", sagte Pompeo vor der Begegnung mit Erdogan. Dieser hatte allerdings schon am Mittwoch einen Stopp der Offensive ausgeschlossen, bevor die YPG ihre Kämpfer nicht aus der geplanten "Sicherheitszone" an der türkischen Grenze abgezogen hat. Er werde sich auch niemals mit der "Terrororganisation" an einen Tisch zu setzen.

Die Türkei betrachtet die YPG als Bedrohung, weil sie mit den kurdischen PKK-Rebellen in der Türkei eng verbunden ist. Für die USA waren sie jedoch jahrelang wichtige Verbündete im Kampf gegen die Jihadisten der Miliz "Islamischer Staat" (IS). Trumps Vorgänger Barack Obama hatte sich nach langem Zögern entschlossen, die Kurdenmiliz mit dem nötigen Kriegsgerät auszustatten und ihr Militärberater zur Seite gestellt. Auch mehrere europäische Staaten, darunter Frankreich, halfen mit. Mit westlicher Rückendeckung ist es den Kurden schließlich geglückt, weite Gebiete des Landes von der Terrormiliz IS zu befreien - darunter auch in von Arabern bewohnten Regionen des Bürgerkriegslandes.

Tausende IS-Kämpfer wurden zu Kriegsgefangenen, die Kurden hielten sie in Gefängnissen und eigens eingerichteten Haftlagern fest und begannen Resozialisierungsprogramme. Mit Beginn der türkischen Militäraktion sahen sich die Kurden aber nicht mehr imstande, diese Anlagen ausreichend zu bewachen. Die Folge war, dass dutzenden Islamisten die Flucht gelang. Es hätten sich inzwischen erste kleine IS-Zellen formiert, die in Nordsyrien Anschläge verübten und nachts einige Gegenden unsicher machten, berichten Beobachter vor Ort.