Sonderlich ernst scheint Recep Tayyip Erdogan den Brief von Donald Trump nicht genommen zu haben. Der US-Präsident hatte seinen türkischen Amtskollegen in einem Schreiben mit undiplomatischen Worten vor einem Einmarsch in Nordsyrien gewarnt. Sollte Erdogan dies tun, werde er als "Teufel" in die Geschichte eingehen, warnte Trump. Erdogan solle weder "ein Narr sein" noch sich als "harten Kerl" geben, sondern lieber mit Trump "einen guten Deal ausarbeiten". Ein "großartiger Deal" sei möglich, wenn er mit dem Kommandanten der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) Maslum Abdi verhandle. Doch Erdogan hat laut dem Sender CNN Türk den Brief einfach weggeworfen. Nicht nur das: Die von dem Sender zitierten Diplomaten sagten, Erdogan sei angesichts des Briefs von Trump zu dem Schluss gekommen, dass die beste Reaktion darauf der Start der Militäroffensive in Nordsyrien sei.

Dort setzten sich am Donnerstag die Gefechte fort. Kurdische Vertreter warfen dabei der Türkei vor, verbotene Waffen wie Napalm und Phosphor einzusetzen, was die Türken sofort als kurdische Propaganda abtaten - man besitze diese Waffen nicht. Zudem haben die Kurden einen Korridor aus der von der Türkei belagerten Grenzstadt Ras al-Ain gefordert, um Tote und Verletzte herauszubringen. Und der Islamische Staat (IS) meldete, seine Kämpfer hätten ein Hauptquartier der kurdischen Sicherheitskräfte gestürmt und viele Frauen befreit. Der Schaden ist also aus Sicht vieler westlicher Staaten schon angerichtet, nachdem Trump die US-Truppen aus Syrien zurückgezogen und damit den Einmarsch der Türken ermöglicht hatte.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

US-Vizepräsident Pence spricht von "Waffenruhe"

Am Donnerstag sind US-Vizepräsident Mike Pence und US-Außenminister Mike Pompeo in der türkischen Hauptstadt Ankara eingetroffen, um sich dort für eine Waffenruhe in Nordsyrien einzusetzen, gegen die sich Erdogan bisher gesperrt hat. Am Abend gab US-Vizepräsident Mike Pence in Ankara bekannt, dass sich die USA und die Türkei auf eine Waffenruhe in Nordsyrien geeinigt haben. Die Türkei habe zugesichert, alle militärischen Aktionen für 120 Stunden zu unterbrechen. Darüber hätten sich er und Erdogan verständigt.

Während der Waffenruhe könne die Kurden-Miliz YPG aus der Region abziehen. Der Militäreinsatz der Türkei werde enden, sobald die YPG komplett abgezogen ist. Die Türkei will jenseits ihrer Südgrenze in einem rund 30 Kilometer breiten Streifen auf syrischem Territorium eine sogenannte Sicherheitszone errichten. Mit seinem "Quelle des Friedens" genannten und seit einer Woche dauernden Angriff will das türkische Militär die YPG aus dem Gebiet vertreiben.