Als Justin Trudeau 2015 seinen Wahltriumph einfuhr, wurde er wahlweise zum "Kennedy Kanadas" oder "Pop-Premier" geadelt. Mit seinem einnehmenden Wesen verkörperte der Liberale die Gegenthese zum bleiernen Konservativen Stephen Harper, der das Land zuvor neun Jahre regiert hatte. Trudeau verstand es, den frischen Wind in griffige Formulierungen zu gießen. Auf die Frage, warum sein Kabinett paritätisch mit 15 Frauen und Männern besetzt sei, sagte er nur: "Weil wir 2015 haben." Wie selbstverständlich gehörten vier Sikhs, zwei Personen mit Behinderungen und Angehörige der Ureinwohner der Regierungstruppe an. Kanadas Bild als der liberalere Part Nordamerikas wurde gefestigt - erst recht, nachdem sich Trudeau als Feminist bezeichnete und dessen Antithese Donald Trump ins Weiße Haus einzog.

Der Vergleich mit dem US-Präsidenten nützt Trudeau nun wenig. Seine Liberalen drohen bei der Wahl am Montag von knapp 40 auf nur etwas mehr als 30 Prozent zu sinken. Das liegt nicht an den harten Wirtschaftsdaten. Die Arbeitslosigkeit beträgt weniger als sechs Prozent, der niedrigste Wert seit 40 Jahren. Zudem paktierte Trudeau mit seinem erratischen Nachbarn aus dem Süden ein neues Handelsabkommen. Bei der Ökologisierung der Wirtschaft enttäuschte aber Kanadas Regierungschef.

Streitfall Erdölpipeline

Um sich von den USA unabhängiger zu machen, treibt die Regierung die Erweiterung der Erdölpipeline Trans Mountain voran. Die 1150 Kilometer lange Röhre verläuft von der Öl-Provinz Alberta bis zur Pazifikküste und soll vor allem den asiatischen Markt bedienen. Weil die ebenfalls betroffene Provinz British Columbia und Indigene blockierten, verstaatlichte die Regierung kurzerhand die Pipeline - und sorgte damit für Empörung bei Umweltschützern.

Diese zeigten sich auch enttäuscht von Trudeaus CO2-Steuer. Von der Kritik am Premier profitieren sowohl die Grünen als auch die sozialdemokratische NDP. Deren Chef, Jagmeet Singh, warf Trudeau vor, die Abgabe nehme die größten Verschmutzer aus. Der Sikh ist der erst nicht-weiße, nichtchristliche Parteichef Kanadas. Seine NDP war zwischenzeitlich im Tief, nunmehr liegt sie knapp unter ihrem Wahlergebnis von 2015. Die Grünen dürfen mit Gewinnen rechnen, wie auch der separatistische Bloc Quebecois (BQ), der nur in Quebec antritt.

Die Konservativen als größte Oppositionspartei treten hingegen auf der Stelle. Der biedere Spitzenkandidat Andrew Scheer konnte nicht von der "SNC-Lavalin-Affäre" Trudeaus profitieren. Der Premier hat angeblich Ermittlungen gegen den Baukonzern unterbunden, der in Schmiergeldzahlungen in Libyen verwickelt sein soll. Justizministerin Judy Wilson-Raybould - die erste Indigene im Amt - sah sich von Trudeau unter Druck gesetzt, das Verfahren einzustellen. Sie wurde im Jänner zur Ministerin für Veteranenangelegenheiten degradiert und trat kurz darauf zurück. Im Sommer rügte die parlamentarische Ethik-Kommission, Trudeau habe sich falsch verhalten.

Zuletzt sorgten auch noch 20 Jahre alte Fotos für Aufsehen, die Trudeau bei einer Feier mit Turban und braunem Make-up im Gesicht zeigten. "Ich hätte das nicht tun sollen. Ich hätte es besser wissen sollen, aber das habe ich nicht. Es tut mir wirklich leid", entschuldigte sich der Premier für seinen Auftritt als 29-Jähriger. Im politisch hochkorrekten Kanada gilt das "Blackfacing" heute als No-Go. Viel schlimmer für Trudeau: Die Affäre kratzte an seinen Markenzeichen Toleranz und Weltoffenheit.

Fehlende Partner für Rechte

Wie in der Klimapolitik profitieren die drei Mitte-links-Parteien. Der Regierungschef warnt die abwandernden Wähler bereits vor einem bösen Erwachen, also einem konservativen Regierungschef. Davon ist Kanada ein gutes Stück entfernt, weil Scheer nicht mit dem BQ will und die NDP eine Kooperation ausschließt. Es läuft auf eine liberale Minderheitsregierung hinaus. Aber auch das ist keine blendende Aussicht für Trudeau: Gleich zwei Minderheitsregierungen seines Vorgängers Stephen Harper endeten vorzeitig.