Tel Aviv. Nun liegt der Ball bei Benny Gantz. Nach dem Scheitern von Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu bei der Bildung einer neuen Regierung soll nun sein Rivale Benny Gantz das entsprechende Mandat erhalten. Bis Mittwoch könnten die anderen Fraktionen beim Präsidenten dagegen Einspruch einlegen, berichtete das israelische Radio am Dienstag.

Dann soll Gantz vom Mitte-Bündnis Blau-Weiß das Mandat offiziell erhalten. Präsident Reuven Rivlin hatte bereits mitgeteilt, den Auftrag zur Regierungsbildung an Gantz weitergeben zu wollen.

Netanjahu und Gantz hatten sich bereits in den vergangenen Wochen gegenseitig für die Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung verantwortlich gemacht. Netanjahus Likud hatte Blau-Weiß zuletzt eine Blockadehaltung gegenüber einer Einheitsregierung mit paritätischer Aufteilung unter den Partnern vorgeworfen. Gantz hatte dagegen betont, seine Partei werde nicht in einer Regierung sitzen, "deren Vorsitzender sich einer schwerwiegenden Anklage stellen muss".

Netanjahu droht eine Anklage in drei Korruptionsfällen. Nach einer viertägigen Anhörung zu den Vorwürfen will der Generalstaatsanwalt nun bis Jahresende über eine Anklage entscheiden.

Gantz will säkulare große Koalition

Außerdem hatte Netanjahu direkt nach der Wahl einen Block mit den rechten und religiösen Parteien gebildet. Er besteht darauf, diese in ein Regierungsbündnis aufzunehmen. Gantz strebt jedoch eine säkulare große Koalition an.

Rund eine Woche nach der Wahl am 17. September hatte Rivlin Netanjahu den Auftrag zur Regierungsbildung erteilt. Blau-Weiß war bei der Wahl mit 33 Mandaten zwar stärkste Kraft geworden. Der Likud kam nur auf 32 Mandate. Netanyahu erhielt allerdings 55 Empfehlungen von Abgeordneten für das Amt des Ministerpräsidenten - Gantz dagegen nur 54. Weder das rechts-religiöse noch das Mitte-Links-Lager hat eine Mehrheit zur Regierungsbildung.

Der Ex-Militärchef Benny Gantz hat vier Wochen Zeit für die schwierige Mission, eine Koalition zu bilden.

Gantz hat den größten Teil seines Lebens in der israelischen Armee gedient. Der 59-Jährige hat gegen die radikalislamische Hamas im Gazastreifen gekämpft und war während der zweiten Intifada im Westjordanland im Einsatz. Bis 2015 war der großgewachsene Mann mit den kurzen grauen Haaren und den hellen Augen Chef der israelischen Streitkräfte. Erst im Dezember wechselte er in die Politik.

Retter mit weißer Weste

Während des Wahlkampfes präsentierte sich der verheiratete Vater von vier Kindern als Vertreter der Mehrheitsgesellschaft, der als Macher von außen in die Politik kommt - sauber, ohne Korruption. "Er kommt als der Retter des Landes, er will unsere liberale Demokratie retten", sagt Politikwissenschaftlerin Gail Talshir von der Hebräischen Universität über Gantz' Botschaft. Das Motto: Einigung statt Spaltung.

Seine politischen Positionen sind dagegen nicht immer ganz klar. Gantz hat sich so etwa für den Erhalt der großen jüdischen Siedlungsblöcke im Westjordanland ausgesprochen, sich aber auch von der israelischen Besatzung distanziert. Er versprach im Wahlkampf zahlreiche Sozialreformen.

Gantz wurde 1959 in der Gemeinschaftssiedlung (Moshav) Kfar Ahim, rund 50 Kilometer südlich von Tel Aviv, geboren. Seine Mutter kam aus Ungarn, überlebte den Holocaust und wurde 1945 aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit. Sein aus Rumänien stammender Vater war führendes Mitglied der Hilfsorganisation Jewish Agency, die für Einwanderung nach Israel zuständig ist.

Lange Karriere beim Militär

Gantz, der auch Politikwissenschaften studiert hat, hat eine lange Militärkarriere hinter sich. 1977 wurde er eingezogen und diente bei den Fallschirmjägern. Im Libanon-Krieg 1982 war er als Kompaniechef an Kämpfen in Beirut beteiligt. 1989 wurde Gantz Kommandant von "Shaldag" (Eisvogel), der Eliteeinheit der israelischen Luftwaffe. 2005 bis 2009 war Gantz Israels Militärattaché in den USA, von 2011 bis 2015 dann Chef der israelischen Streitkräfte.

Sein schneller Aufstieg innerhalb der Armee brachte Gantz den Spitznamen "der Prinz" ein. Die linksliberale "Haaretz" beschrieb ihn in einem Artikel als ausgeglichenen und stressresistenten Kommandanten, der seinen Erfolg in der Armee allerdings auch guten Kontakten zu verdanken hatte. Ein Mensch, den manche Soldaten demnach fast zu entspannt fanden. "Er ist ein netter Typ und hat viel Glück, aber ich kann nicht sehen, wie das genug sein soll, um sich mit einem politischen Killer wie (Ministerpräsident Benjamin) Netanjahu anzulegen", zitierte die Zeitung einen früheren General anonym. (APA/dpa)