Wie geht es nach der von den USA und der Türkei vereinbarten Waffenruhe in Nordsyrien weiter? Am Dienstag trafen einander der russische Staatschef Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan in Sotschi, um das jeweilige Vorgehen in der Region abzustimmen. Westliche Politiker waren nicht dabei, Europa und die USA spielen in Syrien kaum noch eine Rolle.

Russland und die Türkei wollen den Kurden weitere 150 Stunden zum Abzug aus der von Ankara geplanten Sicherheitszone einräumen. Man werde sicherstellen, dass die Kämpfer und ihre Waffen sich 30 Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze zurückzögen, erklärte Außenminister Sergej Lawrow nach einem Treffen der Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan am Dienstag in Sotschi

Washington und die Türkei hatten zuvor vereinbart, dass die Waffen 120 Stunden schweigen sollten. Die Frist sollte es den kurdischen Kämpfern der YPG ermöglichen, aus dem umkämpften Grenzstreifen zur Türkei abzuziehen. Sollte der Abzug nicht vollständig erfolgt sein, so Erdogan am Dienstag, werde man die Offensive, die am 9. Oktober begonnen worden war, fortsetzen. Denn laut türkischen Berichten waren zuletzt immer noch hunderte kurdische Kämpfer in der Grenzregion. Auch habe es zahllose Verstöße gegen die Waffenruhe gegeben. Auch die Kurden haben der türkischen Armee in den vergangenen Tagen vorgeworfen, die Waffenpause mehrfach gebrochen zu haben. Die überwiegende Mehrheit der YPG-Kämpfer dürfte aber die Chance für einen problemlosen Rückzug genutzt haben.

Syrien und Russland nutzen das Machtvakuum

Die jüngste Entscheidung des US-Präsidenten Donald Trump, die rund 1000 GIs aus dem Norden Syriens abzuziehen, war jedenfalls ein Geschenk für die Türkei, für Damaskus und vor allem für Russland. Die syrische Armee, deren Schutzmacht Moskau ist, stieß in das Machtvakuum vor. Jetzt stehen syrische Einheiten teilweise an der türkischen Grenze. Frankreich, das 200 Spezialkräfte in dem Raum stationiert hatte, bläst zum Rückzug. Assad, der ganz Syrien kontrollieren will, ist seinem Ziel ein Stück näher. Damaskus und Russland erhalten jetzt erstmals wieder Zugriff auf die immensen Ölressourcen der Region. Und Russland hat ein Auge darauf, dass sich die syrischen und türkischen Truppen nicht in die Haare geraten.

Europa und die USA sind in der syrischen Tragödie nur noch Zaungäste. Immer wieder haben sie die Gräueltaten Bashar al-Assads und die Skrupellosigkeit der Russen verurteilt, aber wenig getan, um sie zu verhindern. Zuletzt nutzte Moskau die Gelegenheit und zwang die Kurden, in einen Dialog mit der syrischen Regierung zu treten. Sie mussten akzeptieren, weil sie sich nach dem US-Abzug schutzlos den Türken ausgeliefert fühlten. Das vorläufige Abkommen zwischen Kurden und Damaskus ist eine Unterwerfung der Kurden unter die alte Zentralgewalt.

Russland ist nach dem US-Abzug der einzig verbliebene echte Machtfaktor in der Region, sagt der Moskauer Außenpolitik-Experte Fjodor Lukjanow. Der Kreml ernte jetzt die Früchte seiner beharrlichen Linie und biegsamen Diplomatie. Moskau habe sich nicht auf Allianzen eingelassen, sondern mit allen geredet und pragmatisch auf Situationen - besonders auf die Fehler anderer - reagiert. Vor allem aber im russischen Militäreinsatz sieht der Politologe den Erfolg der Operation. "Die Kombination von Stärke und Diplomatie haben Effekte erzielt, die viele nicht für möglich gehalten haben."