Buenos Aires. Seit Wochen wird Südamerika von einer Welle der Proteste erschüttert. In Chile gehen die Menschen gegen hohe U-Bahn-Preise auf die Straße, in Ecuador demonstrieren Bauern gegen die Streichung von Benzin-Subventionen, in Bolivien fühlen sich Regierungsgegner um die Wahl betrogen.

Die Wut der Menschen zeigt: Trotz vielerorts sprudelnder Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft ist es den Regierungen der Region nicht gelungen, die Gewinne gerecht zu verteilen und für einen sozialen Ausgleich zu sorgen.

Argentinien:

Der neu gewählte Präsident Alberto Fernández übernimmt Argentinien mitten in einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,1 Prozent und einer Inflationsrate von 54,4 Prozent. Die Armut in einem der einst reichsten Länder der Welt nimmt immer weiter zu: Im vergangenen Jahr rutschten nach Angaben der Statistikbehörde 3,4 Millionen Argentinier in die Armut ab. Nun leben 35,4 Prozent der Menschen in dem südamerikanischen Land unterhalb der Armutsgrenze.

Gewerkschaften und soziale Bewegungen fordern mehr Sozialmaßnahmen und legen mit Demonstrationen immer wieder die Hauptstadt Buenos Aires lahm. Viele setzen ihre Hoffnung auf die ehemalige Staatschefin Cristina Kirchner, die als Vizepräsidentin nun wieder in die Regierung einzieht. Allerdings läuft gehen sie ein knappes Dutzend Ermittlungsverfahren wegen Korruption, außerdem steht sie mit dem IWF auf Kriegsfuß. Die Rückzahlungsmodalitäten für den Rekordkredit des IWF über 57 Milliarden US-Dollar an Argentinien müssen nach dem Amtsantritt der neuen Regierung am 10. Dezember wohl neu verhandelt werden.

Chile:

Nach wochenlangen Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen mit rund 20 Toten hat der chilenische Präsident Sebastián Piñera die Reißleine gezogen und den Asien-Pazifik-Gipfel und die Weltklimakonferenz in Santiago abgesagt. Dabei galt Chile in der Unruheregion Südamerika lange als Hort der Stabilität. Allerdings gibt es im reichsten Land der Region hohe Einkommensunterschiede: Vor allem Bildung und Gesundheitsversorgung sind sehr teuer.

Die heftigen Proteste entzündeten sich letztendlich an einer relativ bescheidenden Erhöhung der Metro-Preise. Viele der Demonstranten fordern nun aber mehr: eine Abkehr vom neoliberalen Wirtschaftsmodell und eine grundlegende Reform der Verfassung, die noch aus der Zeit der Militärdiktatur von Augusto Pinochet stammt.