Der erneute Einsatz scharfer Munition gegen Demonstranten hat die Lage in Hongkong weiter eskalieren lassen. Wie am Montag in einer Video-Liveübertragung auf der Online-Plattform Facebook zu sehen war, schoss ein Polizist einem Demokratie-Aktivisten in die Brust.

Der Übergriff löste erneut schwere Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Einsatzkräften aus. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschoße gegen tausende Menschen ein.

In dem Live-Video war zu sehen, wie ein Polizeibeamter seine Waffe zieht und versucht, einen Mann an einer zuvor von Demonstranten blockierten Straßenkreuzung festzunehmen. Als sich ein anderer Demonstrant nähert, schießt der Polizist ihm in die Brust. Sekunden später gibt der Polizist zwei weitere Schüsse ab und ein weiterer Demonstrant geht zu Boden.

Anschließend war zu sehen, wie Beamte die beiden Männer abtransportierten. Das erste Opfer lag in einer Blutlache. Der zweite Mann war bei Bewusstsein, als Polizisten ihm Handschellen anlegten.

Scharfe Munition bestätigt

Die Hongkonger Polizei bestätigte den Einsatz von scharfer Munition gegen einen Demonstranten. Ein Krankenhaus meldete die Einlieferung eines 21-jährigen Mannes mit einer Schussverletzung. Es war bereits das dritte Mal, dass Hongkonger Polizisten während der seit Monaten andauernden Proteste scharfe Munition gegen Demonstranten einsetzten.

Der Vorfall löste am Montag erneut massive Proteste und Ausschreitungen aus. Um die Mittagszeit demonstrierten tausende Menschen in mehreren Vierteln der Stadt, blockierten Straßen, beschädigten Geschäfte sowie Bahnstationen und konfrontierten die Einsatzkräfte mit "Mörder"-Rufen.

An zahlreichen Orten setzte die Polizei Tränengas und Gummigeschoße gegen die Demonstranten ein, unter anderem auf Universitätsgeländen sowie in Vierteln nahe des Hongkonger Hafens. In Messenger-Diensten zirkulierte ein Video, das einen Polizisten zeigte, der mehrmals versuchte, sein Motorrad in eine Menschenmenge zu lenken.

Lam: Demonstranten sind Feinde der Bevölkerung

Wer hoffe, dass die Regierung sich dem Druck beuge, dem sei gesagt, dass dies nicht passieren werde, sagte Regierungschefin Carrie Lam am Montag. Die Gewalt gehe inzwischen weit über die Forderungen nach Demokratie hinaus. Die Demonstranten seien nun die Feinde der Bevölkerung. Sie äußerte sich wenige Stunden nachdem die Polizei auf einen Demonstranten geschossen hatte und ein Mann mit Benzin übergossen und angezündet worden war.

Joshua Wong, eines der bekanntesten Gesichter der Demokratie-Bewegung, forderte ein Ende der Polizeigewalt. "Nicht wir haben die Gewalt eskaliert, sondern die einzige Seite, die eskaliert, ist die Polizei", sagte Wong der britischen BBC. "Aus Hongkong wird in einen Polizeistaat gemacht."

Wong appellierte an den US-Senat, einen Gesetzentwurf im US-Abgeordnetenhaus zur Unterstützung der Demokratiebewegung in Hongkong anzunehmen. Der bekannte Aktivist forderte die internationale Gemeinschaft auf, nicht mehr wegzuschauen.

Aufruf von Amnesty zur Deeskalation

Man-Kei Tam, Direktor von Amnesty International Hong Kong sprach laut einer Aussendung der Menschenrechtsorganisation angesichts der Polizeischüsse mit scharfer Munition von einem "rücksichtslosen Gebrauch von Gewalt". Er berichtete zudem, dass ein Polizist auf einem Motorrad mit hoher Geschwindigkeit in eine Gruppe Demonstranten gefahren sei. "Das sind keine polizeilichen Maßnahmen - diese Beamten sind außer Kontrolle und haben Rachegelüste", erklärte Man-Kei Tam und forderte eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt; die Behörden müssten ihre Herangehensweise, eine Deeskalation zur erreichen, überdenken.

Unterdessen berichtete die Polizei von einem Brandangriff auf einen Mann, der sich zuvor mit Hongkonger Demokratieaktivisten einen Streit geliefert haben soll. Auch die Videos dieses Vorfalls wurden in Online-Netzwerken vielfach geteilt. Dabei ist zu sehen, wie ein Angreifer einen Mann mit einer Flüssigkeit übergießt und ihn anschließend in Brand setzt. Ein Polizeisprecher machte Demokratieaktivisten für den Angriff verantwortlich. Der Mann sei in lebensbedrohlichem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert worden.

In der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong gibt es seit Monaten Massenproteste für mehr Demokratie und gegen den wachsenden Einfluss Pekings. Ausgelöst wurden sie durch ein Gesetzesvorhaben, das erstmals auch Auslieferungen nach Festland-China ermöglicht hätte. Inzwischen fordern die Demonstranten die Absetzung der pekingtreuen Führung in der Finanzmetropole und freie Wahlen. Die Bürger der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong genießen gesetzlich garantiert mehr Bürgerrechte als ihre Landsleute in Festland-China. Allerdings prangern zahlreiche Kritiker den wachsenden Einfluss Pekings an, der die Bürgerrechte zunehmend einschränke.

Die Proteste hatten sich nach dem Tod eines 22-jährigen Studenten am Freitag wieder verstärkt. Der junge Mann war eine Woche zuvor beim gewaltsamen Vorgehen von Polizisten gegen Demonstranten gestürzt und hatte sich schwere Verletzungen zugezogen. (apa, dpa)