Schmerzmittel fehlen

Sie zählt auf, was in der Klinik demnächst zur Neige geht: Schmerz- und Narkosemittel, Antibiotika, Blutkonserven. Eigentlich alles, was Ärzte benötigen, um Schwerverletzte zu retten. Die Kliniken unter Kontrolle der SDF seien voll mit verletzten Soldaten. Den Zivilisten blieben noch die wenigen privaten Kliniken wie das Alsalam-Krankenhaus, erklärt die Direktorin. "Sie behandeln Kriegsverletzte kostenlos", meint die Klinikleiterin. Das bedeutet, dass sie keine Einnahmen mehr haben und nur mit Geld lassen sich Medikamente beschaffen. "So oder so, wenn der Krieg weitergeht, sind wir erledigt", meint die Klinikdirektorin. Einige Straßen vom Alsalam-Krankenhaus entfernt, erinnert sich Edris Sheik Musa an die Stille nach dem ersten Luftangriff auf Quamishli. Ein Mörsergeschoss schlug vor seinem Haus in Quamishli ein.

Der Angriff schuf die erste Märtyrerin dieses Krieges, das Mädchen Sara. Die Nachbarskinder spielten auf der Straße, während ihre Eltern hektisch Kleidung und Papiere für die Flucht aus Quamishli zusammenpackten. "Sie haben es nicht gemerkt", meint Musa. Genau in dem Moment schlug der Mörser ein. Er zerfetzte den Sohn der Nachbarn. Seine Schwester Sara lag schwer verletzt in ihrem Blut. "Ich rannte auf die Straße, aber meine Ohren waren taub, ich hörte keine Schreie", erzählt Musa. Die Videos von der schwer verletzten Sara rührten die Menschen in der benachbarten Autonomen Kurdenregion im Nordirak. Die Behörden dort erlaubten den Transport Saras in eine der besten Kliniken des Nordirak.

Edris Sheik Musa bereitet mit seinen Kindern die Flucht aus Quamishli vor. - © Rehmann
Edris Sheik Musa bereitet mit seinen Kindern die Flucht aus Quamishli vor. - © Rehmann

Schwieriger Weg hinaus

Drei Wochen später beaufsichtigt Musa seine eigenen Kinder beim Spielen auf der Straße. Sie hüpfen um den inzwischen mit Regenwasser gefüllten Krater im Asphalt herum. Der Vater sieht ihnen zu. "Es sind ja keine Flugzeuge am Himmel", sagt er. So wie die Nachbarn hätten auch seine Frau und er alles zurechtgelegt für die Flucht aus Quamishli. Sie trauen dem Abkommen zwischen der Türkei und Russland nicht, das den Krieg beenden sollte. Es sieht vor, dass sich die SDF aus einem 120 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten Streifen von der türkischen Grenze zurückzieht und russisch-türkischen Patrouillen Platz macht.

Der Rückzug ist laut SDF mittlerweile beendet. Doch rund um die Stadt Tell Tamer westlich von Quamishli wurde zuletzt noch gekämpft. Sind es bloß Scharmützel nach der Schlacht oder ist der Frieden schon zu Ende, woher soll das ein einfacher Familienvater wissen, meint Musa.

Der einzige Weg aus Rojava heraus führe mit der Hilfe von teuer bezahlten Schmugglern über Schleichwege. Sie führen die Flüchtenden an den Kontrollen der SDF vorbei. Die Miliz will eine Massenflucht aus Rojava verhindern, denn sie fürchtet leere Ortschaften, die Beute für Invasoren sein könnten. Das Geld, das Musa für die Schmugglerpacht ansparen könnte, wird immer knapper. "Schon allein für Brot zahlen wir inzwischen das Doppelte", sagt Musa. Es klingt fast so, als würde auch er sich in einer Falle fühlen.