Wie Berlin 1945

Quamishli erinnerte bereits in den vergangenen Jahren an das Berlin von 1945. Die Stadt ist in Sektoren aufgeteilt. Sie werden von der SDF oder der syrischen Armee kontrolliert. Doch nach dem Beginn der türkischen Militäroperation und der von Trump und Putin vermittelten Waffenruhen wirkt die Stadt wie das Berlin auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs. Zuerst tauchten die Russen in der Stadt auf. Sie besetzten den Flughafen und schicken von Quamishli aus ihre Truppen in die gemeinsam mit den Türken kontrollierte Sicherheitszone an der Grenze.

Vor wenigen Tagen rieben sich die Menschen in Quamishli erstaunt die Augen. Amerikanische Truppen tauchten wieder in den Straßen auf. Die Amerikaner verstecken ihre Flagge inzwischen. Sie wollen sie wohl nicht mehr zum Ziel von Paradeisern und Krautköpfen machen. So wurden sie verabschiedet, als sie nach Trumps Telefonat mit Erdogan und dem vom US-Präsidenten erklärten Rückzug der US-Armee vor einigen Wochen Hals über Kopf die Stadt verließen.

Autofahrer in Quamishli müssen sich in diesen Tagen in Geduld üben. Mal bewegt sich ein Konvoi der Amerikaner durch die Stadt und zieht eine Schlange hupender Autos hinter sich her. Mal verstopfen russische Militärfahrzeuge die Straßen. Bei Fahrten durch Quamishli begegnen sich nun schwer bewaffnete russische und amerikanische Soldaten. Oder die Amerikaner treffen bei Patrouillen auf Truppen des syrischen Machthabers Bashar al-Assad. Die Syrer verschanzen sich an manchen Straßen hinter Sandsäcken.

Über ihnen hängen Bilder Bashar al-Assads. Als könnte er mit grimmigen Blick den in von der SDF kontrollierten Stadtteilen auf Plakaten und Fahnen immer lächelnden PKK-Gründer Abdullah Öcalan in die Flucht schlagen.

Maschinengewehrsalven beendeten in den vergangenen Jahren immer wieder die Koexistenz zwischen Syrern und der SDF. Die Verbündeten der USA und Russlands schossen zuletzt vor einem Jahr in Quamishli aufeinander. Die SDF bat zwar Mitte Oktober das ihr verhasste Assad-Regime um Hilfe gegen die Übermacht der türkischen Armee. Aber die jahrzehntelange Unterdrückung der Kurden und aller nicht-arabischen Minderheiten durch Bashar al-Assad und seinen Vater Hafiz ist im Norden Syriens nicht vergessen.

Ein Feind steht nun also vor der Toren der Stadt. Ein anderer hilft, das Tor zu bewachen. Der SDF-Sprecher Gabriel Keno ist ein viel beschäftigter Mann in diesen Tagen. Während die Helfer der internationalen Organisation Nordsyrien verlassen, reisen Reporter in umgekehrter Richtung vom Nordirak nach Rojava. Keno empfängt einen Journalisten nach dem anderen. Auch nach dem von der SDF als Preisgabe empfundenen Abzug der US-Truppen scheint der Miliz wichtig zu sein, was der Westen über sie denkt. Keno ist ein gebildeter Mann. Den Vergleich von Quamishli mit dem geteilten Berlin des Kalten Krieges quittiert er mit einem wissenden Lächeln. Er spricht von einer "Herausforderung", Zusammenstöße zwischen den schwierigen und sich in herzlicher Abneigung verbundenen Akteuren zu vermeiden.