"Wir können nicht mehr behaupten, dass Hongkong eine sichere Stadt ist", verkündete der Chefsekretär der Stadtverwaltung Matthew Cheung. Anlass dafür war, dass die Gewalt in den vergangenen Tage Ausmaße angenommen hat, die vor einigen Monaten noch kaum vorstellbar waren.

Ein Straßenkehrer wurde von einem Pflasterstein, den ein maskierter Demonstrant von einer Brücke geworfen hatte, getötet. Ein Mann, der offenbar randalierende Aktivisten kritisiert hatte, wurde mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet - schwer verwundet wurde das Opfer ins Spital gebracht. Auf der anderen Seite hat die Polizei einem Demonstranten in den Bauch geschossen - dieser befand sich am Freitag im kritischen Zustand. Zudem ist ein Demonstrant bei einem Sturz vom Dach eines Parkhauses gestorben. Mitglieder der Protestbewegung gaben der Polizei Mitschuld an seinem Tod. Und am Freitag schwappte die Gewalt sogar auf das Ausland über: Die Hongkonger Justizministerin Teresa Cheng wurde bei einem Besuch in London von Demonstranten angebrüllt und zu Boden gestoßen. Laut der Hongkonger Führung hat Cheng "schwere körperliche Schäden" erlitten.

Die Stimmung schaukelt sich also immer mehr hoch - und es kann jederzeit zu erneuten Gewaltausbrüchen kommen. So verbarrikadierten sich diese Woche Studenten an mehreren Universität, sammelten Pflastersteine und bastelten laut Augenzeugen auch an Molotowcocktails. An Lehrveranstaltungen ist derzeit nicht zu denken. Die Polizei hielt sich am Freitag zunächst noch von den Universitäten fern. Doch der Direktor der Chinese University, Rocky Tuan, verkündete bereits, dass er die Behörden um Hilfe bitten müsse, wenn die Universität "ihre grundlegenden Aufgaben nicht erfüllen kann".

Die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam bezeichnete die Demonstranten bereits als "Feinde der Bevölkerung". Die Vorsitzende der China-freundlichen Partei DAB forderte diejenigen Bewohner Hongkongs, die gegen die Proteste sind, bereits dazu auf, Barrikaden wegzuräumen und Plakate zu entfernen. Dabei solle sie freilich die Polizei schützen. Nun ist die Angst groß, dass in der Stadt, in der die Wut auf beiden Seiten der politischen Lager immer mehr hochkocht, zusehends Hongkonger auf Hongkonger losgehen.

KP will wohl keine
Schwäche zeigen

Wie der politische Knoten, der sich mit jeder neuen Auseinandersetzung fester zuschnürt, zerschlagen oder wieder gelockert werden soll, steht derzeit in den Sternen. Entzündet hatten sich die Proteste an einem Auslieferungsgesetz, das es ermöglicht hätte, dass von China verdächtigte und gesuchte Personen aus der Sonderverwaltungszone in die Volksrepublik überstellt werden können. Der Ärger über das Gesetz wurde aber auch noch von einem viel tiefer sitzende Frust bestärkt: Dass nämlich Chinas KP die demokratischen Sonderrechte der Stadt immer mehr unterminiert. Diese Rechte sind der einstigen britischen Kronkolonie unter dem Schlagwort "Ein Land - zwei Systeme" bis 2047 zugesprochen worden.