In Bolivien schaukelt sich die Lage zwischen Anhängern des ins Exil geflohenen Ex-Präsidenten Evo Morales und der Übergangsregierung von Jeanine Anez immer mehr hoch. Anez drohte dem linksgerichteten Morales im Falle einer Rückkehr mit juristischen Konsequenzen. Bei gewaltsamen Zusammenstößen im Zentrum Boliviens wurden unterdessen fünf Morales-Anhänger getötet.

Morales müsse sich in Bolivien wegen der Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschaftswahlen am 20. Oktober sowie wegen "zahlreicher Korruptionsvorwürfe" vor Gericht verantworten, sagte Anez in der Hauptstadt La Paz. Morales hatte am Mittwoch angekündigt, nach Bolivien zurückkehren zu wollen, um sein Land zu "befrieden".

Morales war am Sonntag nach wochenlangen Protesten infolge der umstrittenen Präsidentschaftswahl zurückgetreten und anschließend nach Mexiko ins Exil gegangen. Die Anhänger des Ex-Präsidenten protestieren seither gegen die Entmachtung von Morales, dem ersten indigenen Präsidenten Boliviens.

Schüsse auf Kokabauern

Dabei kam es am Freitag zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Morales-Anhängern und Sicherheitskräften. Fünf Anhänger von Morales wurden dabei getötet, weitere 34 Menschen wurden verletzt und 169 festgenommen, teilte der Ombudsmann der Stadt Cochabamba, Nelson Cox, mit.

Die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) bestätigte die fünf Todesopfer sowie mehrere Verletzte. Bei den Toten handelt es sich um Kokabauern.

Die Kokabauern und Anhänger von Morales versuchten, über Cochabamba nach La Paz zu marschieren, um ihre Unterstützung für den Ex-Präsidenten zu zeigen. Die Polizei und das Militär versperrten den Demonstranten den Weg auf einer Brücke in Sacaba, einem östlichen Vorort von Cochabamba. Die Toten wiesen Schusswunden auf, wie Cox sagte. Der Polizeichef von Cochabamba, Jaime Zurita, erklärte, die Kokabauern hätten die Sicherheitskräfte mit Schusswaffen angegriffen.

 

Kehrtwende in der Außenpolitik

Obwohl die Regierung von Anez nur übergangsweise im Amt ist, zeigte sie sich bereits schonungslos im Umgang mit Morales' linksgerichteten Verbündeten. So begann die Übergangspräsidentin, die Beziehungen mit dem sozialistischen Kuba und Venezuela zu kappen. Als erste außenpolitische Amtshandlung erkannte sie den venezolanischen Oppositionsführer Juan Guaido als Präsidenten Venezuelas an und folgte damit dem Beispiel von rund 50 Ländern.

Außenministerin Karen Longaric kündigte am Freitag an, alle venezolanischen Diplomaten würden wegen "Verletzung diplomatischer Normen" ausgewiesen. Sie verwies auf eine "Einmischung in innere Angelegenheiten" durch die Diplomaten, die den venezolanischen Staatschef Nicolas Maduro vertreten. Die Übergangsregierung zog sich überdies aus den regionalen Bündnissen UNASUR und Alba zurück, die aus linksgerichteten Verbündeten bestehen.

Kuba verurteilte unterdessen die Festnahme von sechs kubanischen Staatsbürgern in Bolivien, denen "auf verleumderische" Weise vorgeworfen worden sei, die Proteste gegen Anez' Regierung zu finanzieren. Havanna forderte die sofortige Freilassung seiner Bürger.

Anez geriet unterdessen wegen mutmaßlicher Twitter-Botschaften gegen die indigene Gemeinschaft ins Visier der Kritik. Die Tweets wurden inzwischen gelöscht. Die 52-Jährige warf der Morales-Regierung vor, Twitter-Konten gefälscht zu haben. (apa, dpa, afp)