In manchen Hongkonger Straßen bot sich in den vergangenen Tagen ein Bild wie in Bürgerkriegszonen im Nahen Osten: Ziegel- und Pflastersteine lagen herum. Sirenen heulten, Polizisten kontrollierten Passanten. Die Studenten, die gegen ihre chinatreue Hongkonger Führung revoltieren und sich in der Polytechnischen Universität verschanzt haben, haben Barrikaden errichtet. Die Universität, die letzte Hochburg der Protestbewegung, ist mittlerweile von den Sicherheitskräften umstellt. Die Polizei setzte in den letzten Tagen im Kampf gegen die Studenten Tränengas, Wasserwerfer, Pfefferspray und Gummigeschosse ein. Ein Polizist soll zudem auf einen unbewaffneten Demonstranten geschossen haben.

Doch es war nicht allein die Polizei, die in den letzten Tagen zur Gewalt griff. Die rebellischen Studenten warfen Steine sowie Molotowcocktails, setzten Katapulte ein und schossen mit Pfeil und Bogen auf die Sicherheitskräfte. U-Bahn-Stationen wurden verwüstet, Tunnels in der Wirtschaftsmetropole gesperrt. Einen Festlandchinesen, der ihnen im guten Glauben ein "Wir sind doch alle Chinesen!" zugerufen hatte, übergossen Demonstranten gar mit brennbarer Flüssigkeit und zündeten ihn an. Einige tausend vom Festland stammende Chinesen traten aus Sicherheitsgründen die Flucht über die Grenze ins chinesische Shenzhen an.

Zehn Jahre Haft möglich

Die Lage der Eingeschlossenen ist schwierig. Nur noch zirka hundert Aktivisten sollen sich in dem Unigebäude verschanzt haben, eingekesselt von den Sicherheitskräften. Die Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam forderte die Demonstranten auf, sich zu ergeben, um die dreitägige Besetzung des Geländes friedlich zu beenden. Die "Aufrührer" sollten ihre Waffen abgeben und das Gelände friedlich verlassen.

Dieser Aufforderung werden wohl nur wenige nachkommen. Denn Lam machte auch deutlich, was den Studenten in einem solchen Fall droht: die Verhaftung. Nur bei den Minderjährigen wurde eine Ausnahme gemacht: Über Nacht waren viele der jüngeren Demonstranten von einer vermittelnden Gruppe von Mittelschulprofessoren vom Gelände der Universität geleitet worden. Die Minderjährigen konnten nach Hause gehen, nachdem die Polizei ihre Personalien aufgenommen hatte.

Das Schicksal der volljährigen Demonstranten dürfte ein anderes sein: Sollte sich der Vorwurf des "Aufruhrs" gegenüber den angeklagten Studenten vor Gericht erhärten, drohen ihnen bis zu zehn Jahre Haft. Allein am Montag wurden auf dem Campus rund 1000 Personen festgenommen.

Kein Wunder, dass die verbliebenen Studenten vor allem eines versuchten: unbemerkt vom Gelände des abgeriegelten Campus der Universität zu fliehen. Tatsächlich schafften es einige Hundert, vom Campusgelände zu entkommen, indem sie sich über Brücken abseilten oder durch Tunnels krochen.

Pekings Machtdemonstration

"Wir überlegen die ganze Zeit, wie wir entkommen können, aber jedes Mal, wenn wir eine Stelle auswählen, sehen wir viele Polizisten in der Nähe", sagte ein Aktivist. "Aber wenn wir aufgeben, sind wir erledigt." Inmitten dieser Eskalation wächst die Angst vor einem militärischen Eingreifen Chinas. Zwar hält sich das Regime in Peking noch zurück.

Doch China zeigte der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong am Montag dann auch ohne Einmarsch deutlich seine Grenzen auf: Nachdem ein Gericht in Hongkong das Vermummungsverbot in der Sonderwirtschaftszone, das von Hongkongs Führung in Reaktion auf die Proteste erlassen wurde, wieder aufgehoben hatte, griff die Zentralregierung in Peking ein: Das Urteil sei nicht rechtmäßig, hieß es seitens des chinesischen Staatsrates. Nur der Volkskongress in Peking habe das Recht, darüber zu entscheiden, ob ein Gesetz mit der Verfassung Hongkongs übereinstimme, sagte Parlamentssprecher Zang Tiewei.(apa/leg)