"Wiener Zeitung": Der französische Präsident Emmanuel Macron hat unlängst vom "Hirntod" der Nato gesprochen und damit eine Debatte ausgelöst. Ist die Nato in der Ära von US-Präsident Donald Trump tatsächlich "hirntot"? Funktioniert sie nicht mehr?

Jamie Shea: Nein. Zwar gibt es heute mehr scharfe Rhetorik von jenseits des Atlantiks als früher. Aber wenn Sie sich die Fakten ansehen, funktioniert die Nato sogar sehr gut. Seit 2014, nachdem Russland die Krim annektiert hat, hat man in Ostmitteleuropa die kollektive Nato-Verteidigung reaktiviert. Die Amerikaner nehmen dort an Nato-Übungen teil, bauen neue Infrastruktur in Polen und erhöhen ihre Truppenstärke. Außerdem wird die Nato auch im Nahen Osten aktiver. So waren Nato-Truppen Teil der Koalition gegen den IS. Und schließlich ist die Nato sehr aktiv, wenn es um die Abwehr neuer Bedrohungen geht wie etwa hybrider Kriegsführung oder Cyberattacken. Ich finde, die Nato ist eine quicklebendige, sehr gesunde Organisation.

Jamie Shea ist Professor für strategische Studien an der Universität Exeter im Südwesten Englands. Er arbeitete seit 1980 für die Nato, in den Neunziger Jahren als ihr Sprecher, später als Direktor. Im Kosovo-Krieg 1999 brachte er den Begriff "Kollateralschaden" in Umlauf.
Jamie Shea ist Professor für strategische Studien an der Universität Exeter im Südwesten Englands. Er arbeitete seit 1980 für die Nato, in den Neunziger Jahren als ihr Sprecher, später als Direktor. Im Kosovo-Krieg 1999 brachte er den Begriff "Kollateralschaden" in Umlauf.

Aber kehren die USA nicht gerade Europa den Rücken?

Ironischerweise ist das, was Trump sagt, richtig: Die Präsenz der USA in Europa ist unter der Trump-Administration etwa viermal so stark wie unter dessen Amtsvorgänger Barack Obama. Und schließlich ist da noch eine Sache: Die europäischen Nato-Staaten investieren heute mehr in Verteidigung. 2014 lag das, was die Nato-Staaten für Verteidigung ausgaben, bei 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Jetzt liegt es bei 1,7 Prozent des BIP. Deshalb würde ich sagen: Schauen wir lieber auf die Fakten, dann sieht das Bild gleich viel besser aus.

Manchmal lassen aber auch die Fakten einen Kurswechsel erkennen. So hat Trump sich dazu entschlossen, die US-Truppen aus Syrien abzuziehen. Das geschah ohne große Konsultationen mit seinen Nato-Partnern. Und mit der Türkei startete ein Nato-Mitglied eine Offensive in Syrien. Den Segen ihrer Verbündeten hatte die Türkei dafür nicht. Sind das nicht doch Anzeichen einer Krise der Nato?

"Krise" ist manchmal ein inflationär gebrauchtes Wort. Die Nato ist eine starke Allianz, aber sie war nie eine Allianz ohne Reibungen. Schließlich ist sie ja auch ein Verteidigungsbündnis von Demokratien mit oft unterschiedlichen Interessen. Es gab immer schon jede Menge Differenzen, jede Menge Streit unter den Alliierten. Natürlich wäre es gut gewesen, wenn es unter den Verbündeten mehr Konsultationen gegeben hätte, bevor die USA sich dazu durchgerungen haben, ihre Truppen aus Syrien abzuziehen. Wobei: Ganz abgezogen sind die US-Truppen ja nicht. 1000 US-Soldaten sind ja noch in Syrien. Es hat sich gar nicht so viel geändert, was die Präsenz der USA in Syrien betrifft.