Sie haben gesagt: Die Nato ist eine Allianz der Demokratien. Ist die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan wirklich noch eine Demokratie?

Nun, keine Demokratie ist absolut perfekt. In meinem Land Großbritannien sind heute viele wegen des Brexits sehr frustriert über die britische Demokratie. Was die Türkei betrifft, finden dort immerhin Wahlen statt. Bei den letzten Wahlen hat die Opposition sogar die Kontrolle über die Hauptstadt Ankara und die Metropole Istanbul zurückgewonnen. Es gibt auch immer noch von der Staatsführung unabhängige Zeitungen, die die Regierung kritisieren und eine starke Zivilgesellschaft. Die Wahlen waren frei und fair - etwas, das man von Russland und von vielen anderen Ländern nicht behaupten kann. Kurz: Die Türkei ist immer noch eine Demokratie.

Falls sich der transatlantische Graben weiter vertieft: Ist ein europäisches Sicherheitssystem ohne die Hilfe der USA überhaupt vorstellbar oder möglich? Kann es eine Nato ohne USA geben?

Wünschenswert wäre solch ein Szenario sicherlich nicht. Wenn ein europäischer Staat ein Problem mit, sagen wir, Russland hat, dann macht es einen enormen Unterschied aus, ob er die Rückendeckung der USA hat oder nicht. Wir Briten haben im Ersten und auch im Zweiten Weltkrieg gesehen, dass der Kriegseintritt der USA die Entscheidung brachte. Wenn sie in einem Sicherheitsverbund sind, in dem sie auf die USA bauen können, stärkt das im Bedrohungsfall ihre Entschlossenheit, zu kämpfen, enorm. Wenn sie versuchen, die Politik von Großmächten wie Russland, China, Indien oder dem Iran zu beeinflussen, gibt ihnen der Umstand, dass sie die USA auf ihrer Seite haben, ein viel größeres Gewicht, als wenn sie allein stehen. Natürlich, Sie haben schon recht: Zurzeit durchleben die transatlantischen Beziehungen keine einfache Zeit. Aber es wäre dumm, ihr Ende auszurufen. Die Nato ist heute unter Amerikanern sogar populärer geworden, als sie es noch vor zehn Jahren war. Wir müssen also einfach durch diese schwierige Zeit hindurchtauchen.

Nehmen wir aber einmal an, es käme tatsächlich zum Bruch: Was müsste Europa dann tun?

Das Internationale Institut für Strategische Studien, ein Thinktank in London, hat sich die Europäischen Verteidigungsanstrengungen angesehen. Und es ist zu dem Schluss gekommen, dass Europa, wenn es sich ohne US-Hilfe selbst verteidigen müsste, 370 Milliarden Euro mehr für seine Verteidigung ausgeben müsste - eine gewaltige Summe. Was mich betrifft, bin ich ein großer Unterstützer der Autonomie Europas. Europa muss ohnehin eine Menge Dinge machen, wo die USA nicht eingreifen. Man denke nur an Libyen oder Bosnien. Wir brauchen unabhängige Einrichtungen, um das alles bewältigen zu können. Aber wenn es um große geostrategische Fragen geht, um Russland, China oder den Iran, brauchen wir die Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten. Es ist ein wenig wie bei den Differenzen, die sich in manchen Ehen zeigen: Oft ist es besser, die Krise durchzutauchen, als sich scheiden zu lassen.