Sie haben jetzt immer wieder das Thema Russland angerissen. Trotz der Annexion der Krim und des selbstbewussten Auftretens in Syrien ist das heutige Russland ein Land, dessen globale Bedeutung im Vergleich zur früheren Sowjetunion deutlich abgenommen hat. Ein Krieg zwischen Russland und der Nato ist für viele kaum möglich. Geht von diesem Russland wirklich eine Gefahr für den Westen aus? Ist ein Krieg vorstellbar?

Vor 20 Jahren hätte ich gesagt, er ist es nicht. Nach dem Fall der Berliner Mauer, nach dem Kalten Krieg, als wir eine Periode von Frieden und Partnerschaft erlebten. Aber seit 2014, als Russland die Krim annektierte, seine Truppen in die Ukraine und nach Syrien entsandte, seit dieser Zeit also kann man nicht mehr sagen, dass solch ein Szenario "unvorstellbar" ist. Man wird wohl sagen müssen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass so etwas passiert. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen "unvorstellbar" und "sehr unwahrscheinlich". Um jemanden ernsthaft zu bedrohen, brauchen sie zwei Dinge: die Fähigkeiten dazu und den Willen, ein großes Risiko einzugehen. Beim russischen Präsidenten Wladimir Putin haben sie jemanden, der die Fähigkeiten hätte - er hat das im Donbass gezeigt oder auf der Krim. Die russische Armee ist heute modernisiert. Und er hat auch gezeigt, dass er bereit ist, Risiken einzugehen und dabei die Konsequenzen solcher Risiken auf sich zu nehmen, etwa Sanktionen. Wir haben es heute sogar mit einem weniger vorhersagbar agierenden Russland zu tun als zur Zeit der Sowjetunion.

Das muss aber nicht heißen, dass Moskau deswegen gleich einen Krieg mit dem Westen vom Zaun bricht. Die Rüstungsausgaben der Nato-Staaten liegen doch weit über denen Russlands.

Das stimmt natürlich. Die militärische Macht der USA und der Nato-Staaten ist höher als die Russlands. Aber wenn die amerikanischen Flugzeugträger sich gerade im Südchinesischen Meer befinden und die europäischen Truppen in Afrika oder im Nahen Osten, gibt es schon ein Risiko -zumindest lokal, in Osteuropa. Die dortigen Staaten sind zwar heute Nato-Mitglieder. Aber Russland hat achtmal so viele Panzer, rund zehnmal so viele gepanzerte Truppentransporter und viel mehr Soldaten dort stationiert als die Nato. Es hat also zumindest in den baltischen Staaten einen gewissen militärischen Vorteil. Und das ist etwas, worauf sich die Nato im Sinne einer Abschreckung vorbereiten muss.

Jamie Shae war auf Einladung des Austria Instituts für Europa und Sicherheitspolitik (AIES) zu Gast in Wien.