Kritik, Vorwürfe und gegenseitige Anschuldigungen im Vorfeld – und zufriedene Kommentare zum Abschluss. So heftig vor dem Jubiläumstreffen der Nato bei London über Rolle und Aufgaben der Militärallianz nach 70 Jahren Bestehen diskutiert wurde, so groß waren danach die Bemühungen, Geschlossenheit zu demonstrieren. In einer gemeinsamen Abschlusserklärung erneuern die Verbündeten ihre gegenseitige Beistandsverpflichtung und heben auch die Bedeutung der "transatlantischen Bindung zwischen Europa und Nordamerika" hervor.

In dem am Mittwoch verabschiedeten Text ist vom "stärksten und erfolgreichsten Bündnis in der Geschichte" die Rede. Die Nato garantiere die Sicherheit des Bündnisgebiets und seiner eine Milliarde Bürger und dazu auch gemeinsame Werte wie Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit.

Allerdings sei die Allianz, wie es weiter im Dokument heißt, "mit unterschiedlichen Bedrohungen und Herausforderungen konfrontiert". Genannt werden explizit "die aggressiven Aktionen Russlands" und "der Terrorismus in all seinen Formen". Mit Russland soll der Dialog aber fortgeführt werden. Als "Herausforderung" stufen die Nato-Partner nun erstmals auch das stärker werdende China ein.

Türkei gibt Blockade auf

Etwas in den Hintergrund rückten so die internen Streitpunkte. Dazu gehören etwa die Verteidigungsausgaben, bei denen US-Präsident Donald Trump vor allem die Europäer als zu zögerlich erachtet. Doch bekennen sich die Staaten zum Prinzip der Lastenteilung.

Auch der unabgestimmte Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien mit dem darauf folgenden, heftig kritisierten Einmarsch der türkischen Armee in der kurdischen Region, sorgte am zweiten Gipfeltag für keinen weiteren Zwist. Die Türkei gab außerdem ihre Blockade gegen die Weiterentwicklung von Verteidigungsplänen für Osteuropa auf. "Wir haben uns heute auf den aktualisierten Plan für die baltischen Staaten und Polen geeinigt", erklärte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Zudem erreichte die Allianz nach eigenen Angaben ihre Ziele zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft von Streitkräften. Laut Stoltenberg haben die Bündnisstaaten zusätzliche 30 Einheiten von Heer, Luftwaffe und Marine so trainiert und ausgerüstet, dass sie ab 2020 im Fall einer Krisensituation innerhalb von höchstens 30 Tagen einsatzbereit wären. Insgesamt soll es um rund 25.000 Soldaten, 300 Flugzeuge und mindestens 30 Kriegsschiffe gehen. Deutschland, Frankreich und Großbritannien gehören zu den wichtigsten Unterstützern der "Readiness Initiative".

Das Projekt war 2018 im Zuge der Aufrüstung gegen Russland beschlossen worden. Die selbst gesteckten Ziele bereiteten den Bündnispartnern zuletzt allerdings größere Probleme. Noch in der vergangenen Woche waren erst rund 90 Prozent der benötigten Einheiten zusammen.

Lob von Trump und Merkel

Trotz allem zeigten sich die Gipfelteilnehmer zufrieden. Sowohl Präsident Trump als auch Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel fanden lobende Worte. "Das war ein sehr erfolgreiches Treffen", befand die Kanzlerin nach einem bilateralen Gespräch mit Trump, der ebenfalls einen "großen Erfolg" ortete. Es habe "einen sehr guten Geist" bei der Zusammenkunft gegeben.

Der Reformprozess, den der französische Staatspräsident Emmanuel Macron eigenen Angaben zu Folge mit markigen Äußerungen anregen wollte, wurde hingegen nicht mehr als erwähnt. Ein "zukunftsorientierter Reflexionsprozess" in der Nato solle eingeleitet werden, um die "politische Dimension" des Bündnisses zu stärken, ist in der Londoner Erklärung zu lesen. (czar/dpa/apa)