Am Anfang einer der größten asiatischen Erfolgsgeschichten des vergangenen Jahrzehnts stand eine simple Beobachtung: Dem Indonesier Nadiem Makarim fiel auf, dass die Mopedtaxifahrer in seinem Land viel Zeit damit verbrachten, auf Kunden zu warten. Die Kunden wiederum verloren ihre Zeit damit, ein Mopedtaxi zu suchen. Und weil gerade das Jahr 2010 war und Apps entstanden, die das Taxi- und Transportwesen umgestalteten - 2009 war etwa das Geburtsjahr von Uber -, gründete Makarim mit Geschäftspartnern das Start-up Gojek.

20 Fahrer waren zunächst bei der App registriert. Heute wird der Gesamtwert des Unternehmens auf zehn Milliarden Dollar taxiert. Gojek vermittelt mittlerweile noch rund 20 weitere Serviceleitsungen an - etwa Essenzustellungen, Autoreparaturen oder digitale Geldtransfers. Mehr als eine Million Menschen bieten ihre Dienste über die App an, die auch schon in anderen südostasiatischen Ländern operiert.

Makarim ist mittlerweile ein schwerreicher Mann, ein vielfach ausgezeichneter Unternehmer und für viele junge Indonesier auch ein Vorbild, für manche sogar ein Star. Nun hat sich der 35-Jährige der nächsten Aufgabe angenommen - und diese könnte sich für ihn wesentlich schwieriger gestalten als der Aufbau von Gojek. Der frühere Mitarbeiter der Unternehmensberatung McKinsey ist seit Oktober vergangene Jahres Erziehungsminister von Indonesien. Das Jahr 2020 wird nun zeigen, ob es dem Harvard-Absolventen gelingt, das Erziehungssystem seiner Heimat in eine neue Richtung zu lenken.

Derzeit liegt dort nämlich vieles im Argen. Diesen Befund erstellen Wissenschaftler schon seit Jahren, und auch wenn man die Ergebnisse des Pisa-Tests als Bewertungsmaßstab heranzieht, kommt man zu diesem Ergebnis: Die Punktezahl der indonesischen Schüler liegt weit unter dem Durchschnitt. So bewältigte etwa 2018 nur ein Prozent der indonesischen Schüler die schwierigsten Mathematikaufgaben - in Singapur, dem Spitzenreiter in Südostasien, waren es 37 Prozent.

Für dieses Abschneiden nennen indonesische Medien und Wissenschafter verschiedene Gründe: Die Lehrer sind oft schlecht bezahlt, entsprechend demotiviert und erhalten keine Fortbildungen. Es wird zu viel Wert auf Auswendiglernen und zu wenig auf das Erlernen von Kompetenzen gelegt. Eine starre Bürokratie verhindert Reformen. Zudem ist es nicht so einfach, in einem 267-Millionen-Einwohner-Staat mit 13.000 Inseln und mehr als 250 Sprachen nationale Richtlinien für ein Schulsystem zu etablieren und dann auch umzusetzen - zumal in dem Schwellenland dafür nur begrenzte Mittel zur Verfügung stehen.

Makarim steht also vor einem Berg an Aufgaben - und er betont das auch selbst. In einer in Indonesien viel zitierten Rede sagte der Harvard-Absolvent, dass "Veränderungen auch viele Unannehmlichkeiten bringen". Er unterstrich, dass er keine falschen Versprechen machen wolle, sondern bat die Lehrer darum, in ihren Klassen die ersten "kleinen Veränderungen" durchzuführen.

Gesicht des Wandels

Noch gilt Makarim als Hoffnungsträger im Kabinett von Präsident Joko Widodo. Dieser will Indonesien modernisieren - durch das Anwerben ausländischer Investoren, große Infrastrukturprojekte und eben eine Reform des Bildungssystems. Makarim ist wie kein zweiter das Gesicht des modernen Indonesiens und soll nun den Schülern seins Landes den Weg in das digitale Zeitalter ebnen.

Gelingt das, könnte Indonesien von seiner demographischen Dividende profitieren. Die Bevölkerung in dem großteils moslemischen Land ist im Durchschnitt 28 Jahre alt und damit sehr jung - wenn das Land nun seine Schüler gut ausbildet, könnte das dem Arbeitsmarkt Dynamik bringen und das Wirtschaftswachstum kräftig ankurbeln. Wenn das nicht geschieht, droht genau das Gegenteil: eine junge, frustrierte Bevölkerung mit schlechten oder gar keinen Jobs.