Michelle Roberts hofft, dass zumindest ihre 18-jährige Tochter bald aus Mallacoota wegkommt. "Es ist hier die Hölle auf Erden", sagt die Besitzerin eines kleinen Cafés in der seit Dienstag vollkommen von den Flammen eingeschlossenen südaustralischen Küstenstadt. "Etwas derartig Schlimmes hat hier noch nie jemand gesehen."

Dass Roberts Tochter rasch mit dem von der australischen Marine entsandten Landungsschiff evakuiert werden kann, ist allerdings alles andere als sicher. Denn die am Donnerstag in den Hafen von Mallacoota eingelaufene "HMAS Choules" kann trotz der stattlichen Länge von mehr als 170 Metern maximal 800 Menschen aufnehmen. Die restlichen 2000 bis 3000 Menschen, die derzeit in der Stadt festsitzen, müssen also warten, bis das Schiff wiederkommt.

Mallacoota ist derzeit allerdings nur eine von vielen australischen Gemeinden, die den scheinbar unaufhaltsam wütenden Buschfeuer hilflos gegenübersteht. So hat die Regierung des Bundesstaates New South Wales angesichts der zahllosen Brände und der nächsten Hitzewelle am Wochenende erneut einen siebentägigen Ausnahmezustand ausgerufen und ein knapp 300 Kilometer langes Gebiet entlang der Küste zur Touristen-Sperrzone erklärt. "Wir haben so viele Brände in dieser Region, dass wir nicht die Kapazitäten haben, sie einzudämmen", sagte Rob Rodgers, der stellvertretender Feuerwehrchef von New South Wales.

"Keine unbesonnenen Ziele"

Doch es ist nicht nur das Gefühl der Hilflosigkeit, das sich derzeit in Australien breitmacht. Immer stärker ist den vergangenen Wochen auch die Wut gegen Premierminister Scott Morrsion gewachsen. Schon vor Weihnachten hatte sich der Regierungschef den Zorn vieler Australier zugezogen, als er am ersten Höhepunkt der Buschbrände klammheimlich eine Ferienreise nach Hawaii angetreten hatte.

Morrison, dem vor allem in den sozialen Medien eine Welle der Empörung und zahllose Rücktrittsforderungen entgegengeschlagen waren, hatte sich zwar nach seiner Rückkehr wortreich für seinen Urlaub entschuldigt, doch die Wogen sind seither kaum geglättet worden. So hat sich der 51-jährige Parteichef der Liberalen zuletzt nicht nur gegen jene Petition gestemmt, mit der mehr als eine Viertelmillion Bürger gefordert hatte, das weltberühmte Neujahrsfeuerwerk in der Bucht von Sydney diesmal abzusagen und das Geld stattdessen für die Opfer der Brände zu spenden. Immer wieder hat Morrison in den vergangenen Tagen auch betont, die Klimapolitik seines Landes nicht ändern zu wollen. Die Annahme, dass eine Erhöhung der australischen Klimaziele die derzeit tobenden Buschfeuer oder extreme Wetterereignisse verhindert hätte, sei einfach falsch, heißt es etwa in einem von Morrison vor kurzem verfassten Gastbeitrag in der australischen Boulevardzeitung "The Daily Telegraph". Seine Regierung werde sich auf keinen Fall auf "unbesonnene Maßnahmen" einlassen, die traditionelle Industrien und australische Arbeitsplätze gefährden.

Mit der Kohle ins Parlament

Morrison hatte nach seinem überraschenden Sieg bei den Parlamentswahlen im Mai versprochen, die australischen Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um 26 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2005 zu senken. Klimaschutzorganisationen halten allerdings auch das für ein reines Lippenbekenntnis jenes Mannes, der vor nicht allzu langer Zeit mit einem großen Stück Kohle im Parlament von Canberra aufgetreten ist, um öffentlichkeitswirksam für das wichtigsten Exportgut Australiens zu werben. So hat die liberal-nationale Regierungskoalition, deren wichtigste Vertreter schon vor eineinhalb Jahren den vergleichsweise klimafreundlichen Energieplan des damaligen Premiers Malcom Turnbull zu Fall gebracht hatten, erst im Juni den Bau einer neuen Kohlemine in Queensland genehmigt. Mit einer erwarteten Jahresproduktion von acht bis zehn Millionen Tonnen wird die vom indischen Adani-Konzern betriebene Abbaustätte zu den größten der Welt gehören.

Dass die Kohleindustrie, die in Australien jahrzehntelang die Politik mitbestimmt hat, auch künftig den Takt vorgibt, ist angesichts der Ereignisse der vergangenen Monate aber nicht mehr so sicher. "Die Buschfeuer könnten zu einem Umschwung in der öffentlichen Meinung führen, den wir in Australien noch nicht gesehen haben", sagt Haydon Manning Politikprofessor an der Flinders University.