Der Konflikt in Libyen spitzt sich zu. Am Dienstag haben sich mit der offiziellen Regierung verbündete Milizen überstürzt aus der Hafenstadt Sirte zurückgezogen - um ein Blutbad zu verhindern, wie es heißt. Immerhin hatten Truppen des libyschen Generals Khalifa Haftar am Vortag die Eroberung Sirtes verkündet. Haftar hat damit im Kampf um die von der UN anerkannte Regierung in Tripolis nach Einschätzung von Experten einen wichtigen Sieg errungen. Sirte liegt auf halbem Weg zwischen Tripolis im Westen und Bengasi im Osten.

Nach einem Angriff auf eine Militärakademie in Tripolis werden die Toten bestattet. - © reuters/Zitouny
Nach einem Angriff auf eine Militärakademie in Tripolis werden die Toten bestattet. - © reuters/Zitouny

Haftars sogenannte Libysche Nationalarmee versucht derzeit, auch die alte Hauptstadt Tripolis zu erobern. Der General wird von Russland, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt. Die Türkei hingegen hat am Sonntag eine Vorhut an Streitkräften nach Libyen entsandt, um die von der UN anerkannte Regierung des Vorsitzenden des Präsidialrates, Fajes al-Serraj, zu unterstützen.

Der ist verzweifelt um Unterstützung in der Region bemüht und besuchte zuletzt das benachbarte Algerien, wo er sich mit Präsident Abdelmadjid Tebboune traf. Der erklärte die libysche Hauptstadt Tripolis zu einer "roten Linie", die nicht überschritten werden dürfe. Die Krise müsse durch eine Rückkehr zum politischen Dialog gelöst werden.

Haftars Truppen scheinen derzeit zu schwach, um Tripolis einnehmen zu können. Mit der Hilfe Russlands könnte das bald anders aussehen.

Terrorgruppen erstarken

Die EU befürchtet, dass wegen des ausländischen Eingreifens ein Stellvertreterkrieg wie in Syrien entstehen könnte. Acht Jahre nach dem Sturz von Langzeitherrscher Muammar al-Gaddafi versinkt das Land immer tiefer in den Kämpfen um die Macht. Terrorgruppen wie der Islamische Staat und Al-Kaida erstarken im Chaos.

Die Außenminister Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens kamen am Dienstag zusammen, um mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell über die hochexplosive Lage zu beraten. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel etwa arbeitet seit Monaten am Zustandekommen einer Libyen-Friedenskonferenz in Berlin. Wann und ob es eine solche geben wird, war zuletzt unklar.

Dass nun die Türkei in den Konflikt eingreift, sorgt international für heftige Reaktionen. Das ägyptische und das saudische Außenministerium sprachen von einem "eklatanten" Verstoß gegen internationales Recht und bestehender UN-Resolutionen.

Wie viele türkische Soldaten nach Libyen gehen, blieb zunächst unklar. Klar ist: Kämpfen sollen die türkischen Militärs, darunter ein General, nicht. Erdogan sprach von Koordinationsaufgaben in einer "Operationszentrale". Der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge geht es auch um Ausbildungs- und Schulungsprogramme und den Austausch von technischem Wissen und Erfahrung. Erdogan betonte, das Ziel sei nicht, zu "kämpfen oder einen Krieg zu führen", sondern die "legitime Regierung" zu unterstützen. Es gehe darum, eine "Waffenruhe in Libyen zu gewährleisten" und dem Land zu einem politischen Prozess zu verhelfen.

Uneigennützig ist Erdogans Hilfe nicht. Für den Türken ist die Allianz mit der international anerkannten Regierung auch ein Hilfsmittel im Streit um lukrative Energiereserven im Mittelmeer. Aus Sicht der Türkei hatten Anrainer im Streit bisher unerschlossene, aber milliardenschwere Erdgasreserven unter sich aufgeteilt, ohne Ansprüche der Türkei zu berücksichtigen.(dpa/afp/reuters)