Von der reichsten Frau Afrikas könnte Isabel dos Santos zu einer der größten Schuldnerinnen werden. Nicht weniger als eine Milliarde US-Dollar soll, geht es nach der Staatsanwaltschaft ihres Heimatlandes Angola, die 46-Jährige zurückzahlen. Die Ermittler werfen ihr vor, sich bei Geschäften mit angolanischen Staatskonzernen ungerechtfertigt bereichert zu haben. Dabei soll Geld aus Staatsbetrieben auf Konten von Firmen transferiert worden sein, die Isabel dos Santos gehörten.

Gegen die Tochter des früheren Präsidenten José Eduardo dos Santos wurde nun Anklage wegen Betrugs und Geldwäsche erhoben. Ihr würden unter anderem Missmanagement und Urkundenfälschung während ihrer Zeit an der Spitze des staatlichen Ölkonzerns Sonangol vorgeworfen, sagte der angolanische Generalstaatsanwalt Helder Pitta Gros. Konten von ihr wurden bereits eingefroren.

Nachdem Isabel dos Santos bisher nicht mit den Behörden kooperiere, überlege die Staatsanwaltschaft, einen internationalen Haftbefehl gegen sie zu erlassen. Die Geschäftsfrau, deren Vermögen auf zwei Milliarden Dollar geschätzt wird, jettet im Moment zwischen London, Dubai und Lissabon hin und her.

Der Aufschwung in Angola - hier neue Gebäude in Luanda - kommt nur einer kleinen Schicht zugute. - © apa/afp/Rodger Bosch
Der Aufschwung in Angola - hier neue Gebäude in Luanda - kommt nur einer kleinen Schicht zugute. - © apa/afp/Rodger Bosch

Doch auch in Europa droht ihr Ärger: In Portugal wurden ebenso Ermittlungen gegen ihre Firmen eingeleitet. Zudem wurde nun in Lissabon ein enger Mitarbeiter von ihr tot aufgefunden. Alles deute zwar auf einen Freitod durch Erhängen hin. Es werde aber auch ein Tötungsdelikt nicht ausgeschlossen, gaben die Behörden bekannt.

Die Geschichte von Isabel dos Santos wirft jedenfalls ein Schlaglicht auf Angola. Die Verteilung des Wohlstands in dem ölreichen Land gleicht einer Pyramide. Unten befindet sich eine breite Masse an Armen, die die Slums der Hauptstadt Luanda bevölkern und etwa unter einer der höchsten Raten an Müttersterblichkeit weltweit leiden. An der Spitze der Pyramide steht eine kleine Schicht, deren Büros sich in neu errichteten Hochhäusern befinden, in deren Garagen teure Geländewägen geparkt sind. Ganz oben an der Spitze stand Isabel dos Santos.

Staat und Geschäft sind eins

Der Großteil der Bevölkerung lebt in improvisierten Stadtvierteln. - © apa/afp/Rodger Bosch
Der Großteil der Bevölkerung lebt in improvisierten Stadtvierteln. - © apa/afp/Rodger Bosch

Reichtum ist in Angola oft mit guten Kontakten zur Staatsspitze verbunden. Und niemand hatte bessere Verbindungen dorthin als Isabel dos Santos - war doch ihr Vater von 1997 bis 2017 Staatspräsident. Dass dessen älteste Tochter davon enorm profitierte, legen die sogenannten Luanda Leaks nahe.

Das sind mehr als 700.000 Dokumente, die zuerst der afrikanischen Journalistengruppe PPLAAF zugespielt wurden, welche sie dann später mit dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten teilte, an dem etwa die "Süddeutsche Zeitung", NDR und WDR beteiligt sind. Dos Santos, ihr Ehemann Sindika Dokolo und weitere Vertraute haben demnach mehr als 400 Firmen gegründet, viele davon in Steueroasen. Diese Unternehmen erhielten wiederum in Angola Darlehen oder öffentliche Aufträge.

Als die Strandpromenade in Luanda erneuert wurde, erhielt das Ingenieurbüro von Isabel dos Santos den Auftrag. In einem anderen Fall hat Jose Eduardo dos Santos gar per präsidialem Dekret Steuererleichterungen für die Brauerei seiner Tochter veranlasst. Diese hatte zudem den wirtschaftlich wichtigsten Posten im Land inne: Sie leitete den staatlichen Ölkonzern Sonangol.

Ihr Stern begann zu sinken, als Joao Lourenco 2017 Präsident wurde. Obwohl der frühere Verteidigungsminister ein Mitstreiter von Jose Eduardo dos Santos war, begann er mit dessen Erbe zu brechen. Es müsse "korrigiert werden, was falsch ist - Korruption, Nepotismus, Schmeichelei und Straflosigkeit", verkündete er. Isabel dos Santos wiederum bezeichnet das Vorgehen gegen ihre Person als "Hexenjagd" gegen eine erfolgreiche Geschäftsfrau.

Anklage reicht nicht aus

Ob der Fall dos Santos tatsächlich einen umfassenden Kampf gegen Korruption eröffnet hat oder ob es sich um einen Machtkampf innerhalb der Elite handelt, wird erst die Zeit weisen. Jedenfalls könnte der Staat die Milliarde Dollar von Isabel dos Santos gut gebrauchen. Der Verfall des Ölpreises hat in dem vom Rohstoffexport abhängigen Land die Staatseinnahmen schrumpfen lassen.

Für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung reicht laut Ökonomen eine Anklage gegen dos Santos aber nicht aus. So müsse die Wirtschaft stärker diversifiziert werden. Zudem müsste die Macht der dominanten Regierungspartei MPLA, bei der wirtschaftliche und politische Interessen zusammenlaufen, eingeschränkt werden. Doch dafür müsste Präsident Laurenco gegen seine eigenen Parteigenossen vorgehen.(klh)