Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist nach Polen gereist, wo er am Nachmittag an der internationalen Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz teilnahm. Für die Zeremonie hatten sich Vertreter aus etwa 50 Staaten, darunter Israels Staatschef Reuven Rivlin, angekündigt. Rund 120 Auschwitz-Überlebende nahmen ebenfalls daran teil.

Van der Bellen hat bereits zu Mittag österreichische Gedenkdiener (Zivildiener, die in Auschwitz Dienst tun) getroffen. Am Nachmittag folgten Kranzniederlegungen und die Gedenkzeremonie  auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, das damals im von Hitler-Deutschland besetzen Polen errichtet wurde.

Van der Bellen betonte Mitverantwortung Österreichs

Heute, Montag, wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren gedacht. - © APAweb / Reuters, Nir Elias
Heute, Montag, wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren gedacht. - © APAweb / Reuters, Nir Elias

"Auschwitz zu besuchen ist nicht leicht. Aber es ist notwendig", teilte Österreichs Präsident in einer Stellungnahme im Vorfeld der Zeremonie mit. Gleichzeitig verwies er erneut auf die Mitverantwortung Österreichs am Holocaust. Er empfinde "tiefes Entsetzen" darüber, was im KZ Auschwitz den Menschen angetan wurde. Opfer der "nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie" seien auch zehntausende Menschen aus Österreich gewesen.

Gleichzeitig, so Van der Bellen, "empfinde ich Scham". Viele Österreicherinnen und Österreicher hätten bei dem "barbarischen Verbrechen" als Täterinnen und Täter "mitgewirkt". "Allzu viele Landsleute liefen mit, schauten weg, zu wenige leisteten Widerstand", kritisierte der Bundespräsident. Van der Bellen hatte am vergangenen Donnerstag bereits am internationalen Holocaust-Forum in Yad Vashem teilgenommen.

Begleitet wird Van der Bellen nach Polen von seiner Frau Doris Schmidauer, EU-Ministerin Karoline Edtstadler, den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Oskar Deutsch, sowie dem Auschwitz-Überlebenden Viktor Klein. Es ist der erste Besuch des Bundespräsidenten in Auschwitz.

Entspannung zwischen Israel und Polen

Darüber hinaus zeichnet sich bei dem Gedenken eine Entspannung im Verhältnis zwischen Israel und Polen ab. Israels Präsident Reuven Rivlin lud seinen polnischen Kollegen Andrzej Duda am Montag zu einem Besuch ein. "Wir möchten der polnischen Nation heute die Hand geben und bitten, dass wir erneut auf den Weg zurückkehren, den wir gemeinsam gehen können", sagte Rivlin  nach einer Begegnung mit Duda vor der Gedenkfeier.

Duda hatte am Donnerstag nicht am Holocaust-Gedenken in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem teilgenommen - aus Protest dagegen, dass die Organisatoren ihm kein Rederecht einräumen wollten. Dies hatte das polnisch-israelische Verhältnis belastet. In Yad Vashem hatten außer Rivlin unter anderem der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Russlands Präsident Wladimir Putin gesprochen. Putin hatte die Polen zuvor mit Äußerungen über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs verärgert.

Steinmeier: "Wehret den Anfängen"

Steinmeier nahm auch an der Zeremonie in Ausschwitz teil.  "Auschwitz, das ist die Summe von völkischem Denken, Rassenhass und nationaler Raserei", sagte der deutsche Präsident am Montag in der Gedenkstätte, die er erstmals besuchte. Wenn er sich die heutige Zeit anschaue, habe er manchmal den Eindruck, "dass das Böse noch vorhanden ist", sagte der deutsche Bundespräsident. "Und deshalb reden wir hier in Auschwitz - und das ist auch der Wunsch der Überlebenden - nicht nur über die Vergangenheit, sondern begreifen es als leitende Verantwortung, den Anfängen zu wehren, auch in unserem Land."

Auschwitz sei "ein Ort des Schreckens und deutscher Schuld", sagte Steinmeier. "Wir ringen um Worte, wenn wir das Ausmaß des Grauens beschreiben wollen." Auschwitz sei eine Mahnung, "dass wir uns erinnern, um im Hier und Jetzt vorbereitet zu sein". Ins Gästebuch der Gedenkstätte schrieb Steinmeier: "Wir wissen, was geschehen ist, und müssen wissen, dass es wieder geschehen kann."

Frankreichs Präsident hat anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz-Birkenau vor einer "unerträglichen Wiederbelebung" des Antisemitismus gewarnt. Diese sei nicht das Problem der Juden, sondern das Problem aller, sagte Emmanuel Macron am Montag bei der Wiedereinweihung des restaurierten Pariser Holocaust-Denkmals. Frankreich werde bei der Bekämpfung des Antisemitismus unnachgiebig sein, so Macron. In Frankreich müssten derzeit 868 jüdische Kultstätten verstärkt bewacht werden, so der französische Staatschef.

Der Name Auschwitz hat sich als Synonym für den Holocaust und Inbegriff des Bösen weltweit ins Bewusstsein eingebrannt. Allein in dem Lagerkomplex unweit von Krakau brachten die Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen um, zumeist Juden. In ganz Europa ermordeten sie während der Shoah etwa sechs Millionen Menschen jüdischer Herkunft, darunter rund 65.000 Österreicher.

Einheiten der sowjetischen Roten Armee erreichten am 27. Jänner 1945 den Lagerkomplex Auschwitz und befreiten mehr als 7000 noch lebende Häftlinge. Viele von ihnen starben jedoch innerhalb kurzer Zeit an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. (apa)