Fieberhaft sucht die Türkei nach einem Ausweg aus dem Sumpf des syrischen Bürgerkriegs. In der nordwestlichen Rebellenprovinz Idlib hat der lang befürchtete entscheidende Kampf gegen das Regime von Bashar al-Assad und dessen russische Schutzmacht begonnen. Seit vergangene Woche 13 türkische Soldaten und ein Zivilist bei Gefechten mit der syrischen Armee getötet wurden, steht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan unter Druck zurückzuschlagen - und reagiert panisch.

Er hat inzwischen mehr als 6000 Soldaten, Panzer und schwere Artillerie nach Idlib geschickt, um den Vormarsch der syrischen Truppen gegen die mit der Türkei verbündeten Rebellen aufzuhalten und neue Flüchtlingsströme zu verhindern - aber schon sammeln sich bis zu 700.000 Geflüchtete bei eisigen Temperaturen an der türkischen Grenze. Im Internet kursierten Bilder, wie türkeitreue Dschihadisten einen syrischen Kampfhubschrauber mit einer Boden-Luft-Rakete abschossen. Falls diese Waffen aus der Türkei kamen, wäre es ein gefährlicher Tabubruch.

Mittlerweile hat Erdogan dem syrischen Machthaber Assad ein Ultimatum bis Ende Februar gestellt, um seine Truppen zurückzuziehen. Andernfalls, so drohte der türkische Präsident, würde die Türkei "überall im Land zurückschlagen", am Boden wie in der Luft. Diese Bemerkungen machte er kurz nach einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, das offenbar nicht wunschgemäß verlaufen war. Regierungsnahe türkische Medien sprechen von einer Kriegserklärung. "Die Ära des Krieges hat begonnen", dröhnte die Zeitung "Yeni Safak". Verteidigungsminister Hulusi Akar forderte kurz vor dem Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel "konkrete Schritte" des Bündnisses gegen die syrische Regierung in Idlib - wozu kein Nato-Staat bereit war. Am Donnerstag kündigte er die Entsendung weiterer Truppen an. Der Chef der mit Erdogans islamischer Regierungspartei AKP verbündeten ultrarechten MHP, Devlet Bahceli, hatte von Erdogan zuvor verlangt, "Damaskus zu erobern", um sich für die getöteten Soldaten zu rächen. "Lasst uns Syrien niederbrennen. Lasst uns Idlib zerstören!", sagte er. Scheinbar unaufhaltsam eskaliert der bisherige Stellvertreterkrieg in Idlib zu einer direkten militärischen Konfrontation mit dem syrischen Regime.

Keil zwischen die Türkei
und Russland treiben

Gleichzeitig versucht Erdogan noch immer, die Eskalation auf diplomatischem Weg aufzuhalten. Am vergangenen Wochenende wurde stundenlang mit einer Delegation der syrischen Schutzmacht Russland in Ankara verhandelt - ergebnislos, aber das nächste Treffen ist bereits vereinbart. Am Dienstag kam der US-Syrien-Gesandte Jim Jeffrey in die türkische Hauptstadt und leistete moralische Unterstützung. Er versicherte die Türkei der amerikanischen Solidarität in Idlib, obwohl die mit Ankara verbündeten Milizen dort überwiegend aus radikalen Islamisten bestehen, und nannte die türkischen Interessen in Idlib "legitim". Offenbar erkennt Washington seine Chance, einen Keil zwischen die trotz massiver Meinungsverschiedenheiten weiter bestehende türkisch-russische Allianz zu treiben.

Tatsächlich unterstützt Russland weiter den Vormarsch der syrischen Truppen. Moskau beruft sich darauf, dass Ankara seine Pflichten aus dem bilateralen Sotschi-Abkommen von 2018 zur "Säuberung" Idlibs von "Terroristen" nicht erfüllt habe und reagierte auf Erdogans Vorhaltungen bissig. Putins Sprecher Dmitri Peskow griff die Türkei frontal an und erklärte, militante Gruppen in Idlib würden weiter syrische und russische Truppen attackieren und hätten vergangene Woche vier russische Soldaten getötet. Zudem machte Moskau erneut deutlich, dass der Luftraum über Idlib für türkische Flugzeuge gesperrt bleibt - ein gewaltiges militärisches Handicap.

Kurzsichtige Entscheidungen und fehlende Strategie

Das türkische Desaster in Syrien ist die Folge kurzsichtiger Entscheidungen und einer fehlenden politischen Strategie. Während die Türkei einerseits die separatistisch-islamistischen Rebellen unterstützte, bestand sie andererseits stets auf der territorialen Einheit Syriens - was sich ausschließt. Und während sich die russische Regierung zwar stets für eine politische Einigung und Waffenruhe einsetzte, mussten sich ihre Interessen nicht zwangsläufig mit denen ihres syrischen Schützlings und dessen iranischen Unterstützern decken. Jetzt sieht Assad den Sieg in greifbarer Nähe und das Momentum auf seiner Seite. Seine Truppen haben inzwischen strategisch wichtige Städte erstürmt, die bedeutende Autobahn M5 eingenommen und stehen vor den Toren der Provinzhauptstadt Idlib. Zweifellos ist der syrische Herrscher fest entschlossen, die Provinz vollständig zurückzuerobern, zumal ihm Russland bisher nicht ernsthaft Einhalt gebietet.

Um seine Allianz mit Moskau zu retten, ließ Erdogan seinen Verteidigungsminister inzwischen erklären, das türkische Militär werde ab sofort auch gegen Dschihadisten vorgehen. Doch wie realistisch ist das? Die Provinz wird de facto von der al-Kaida-nahen Dschihadistengruppe Hayat Tahrir al-Sham kontrolliert. Die Rebellen sind zudem eingeschlossen, haben keinen Ausweg mehr und werden sich kaum "auflösen" lassen. Damit steht Erdogan vor der Wahl, entweder noch mehr Truppen einzusetzen, was neue türkische Verluste bedeutet, oder eine demütigende Niederlage zu erleiden. Um einer Massenflucht in die Türkei vorzubeugen, könnte er versucht sein, Teile Idlibs nach dem Vorbild von Afrin oder der neuen Pufferzone in Nordostsyrien zu annektieren. Doch scheint dies wegen des zu erwartenden russischen Widerstands ausgeschlossen.

Versorgung von Flüchtlingen mit EU-Mitteln?

Noch hat Moskau allerdings nicht auf den Vorschlag aus Ankara reagiert, eine türkisch-russische Pufferzone entlang der Grenze zu errichten, in der die Flüchtlinge mit Mitteln aus der Europäischen Union versorgt werden könnten - die derzeit wahrscheinlichste Lösung, die Erdogan etwas Zeit verschaffen und auch die türkisch-russischen Beziehungen kitten würde. Auch dann aber bliebe die Lage in Idlib in einem gefährlichen Schwebezustand und könnte jederzeit in einen blutigen Krieg zwischen der Türkei und Syrien eskalieren. Sicher ist nur eines: Die humanitären Kosten des Konflikts sind schon jetzt verheerend.