Der Pfarrer beschleunigt. Eine Hand hält das Lenkrad, die andere wischt den Schweiß von der Stirn. Die Nachmittagssonne brennt über Hwange. "Die heißeste Stadt Simbabwes", erklärt der katholische Priester lächelnd. Fern ragen die Kühltürme des lokalen Kohlekraftwerks über Hausdächern und Industriekonstruktionen.

Der Geistliche will vor der Heimreise in seine ländliche Pfarre noch seinen klapprigen Ford Ranger volltanken. An der Tankstelle angekommen, seufzt er schließlich leise. Ein rot-weiß gestreiftes Absperrband verwehrt den Zugang zu den Zapfsäulen. Davor parkt ein fahrerloser, kleiner Toyota. "Der steht schon seit Tagen dort", meint der Pfarrer. "Will wohl als Erster drankommen, sobald sie wieder Sprit haben."

Die Treibstoffknappheit ist bildgebend für Simbabwes Krise. Aufgrund der schwachen Wirtschaft exportiert das Land kaum, und wegen der mangelnden Exporte fehlen die Devisen für Importe. Benzin, Diesel, Medikamente und selbst Brot sind oft tagelang nicht zu bekommen.

Im Versuch, ausländische Investoren ins Land zu locken, hofiert Präsident Emmerson Mnangagwa diese regelmäßig mit dem Slogan "Zimbabwe is open for business". Die Geschäftsleute lassen sich aber schwerlich über seine repressive Politik hinwegtäuschen. Als infolge einer Spritpreiserhöhung im Jänner 2019 Menschen auf Simbabwes Straßen protestierten, antworteten Polizei und Militär ihnen mit scharfer Munition. Zwölf Menschen starben. Weitere Proteste wurden bereits im Vorhinein unterbunden.

Derartiges Gebaren brachte Simbabwe unter dem im September des Vorjahres verstorbenen Ex-Präsidenten Robert Mugabe Sanktionen von EU und USA ein. Strafmaßnahmen, gegen die die gegenwärtigen Machthaber zwar protestieren, die sie aber nicht zum Umdenken veranlassen.

Blühender Schwarzmarkt

Inzwischen ruckelt der Ranger im Schritttempo über löchrigen Asphalt. Zu beiden Seiten der Straße reihen sich abgewohnte Substandardhäuser aneinander, mit Gemeinschaftstoiletten für jeden Sechserblock. Kinder spielen auf der Straße mit einem aus Plastiksäcken gebastelten Fußball, während aus den Fenstern misstrauische Gesichter lugen. In einem Vorgarten wäscht eine Frau Leintücher in Kübeln. Die Gegend nennt sich Cinderella. Eine Bergarbeitersiedlung, die das britische Kolonialregime seinerzeit für das Kohlebergwerk nahe Hwange anlegte. Dem Pfarrer zufolge könne man hier Diesel kaufen.

In einem Vorgarten trifft er zwei Männer. Einer ist in schlichter Bergmannsmontur gekleidet, der andere trägt Shorts und ein Tanktop. Simbabwischer Reggae dröhnt aus einem Fenster, während der Pfarrer mit dem Mann mit dem Tanktop verhandelt. Kurz darauf holt der Bergarbeiter zwei Dieselkanister aus einem Wellblechverschlag neben dem Haus, und gemeinsam beginnen die beiden, den Treibstoff in die Kanister ihres Kunden umzufüllen.

"Sie bekommen den Diesel von den Tankwagenfahrern", erklärt der Pfarrer etwas beschämt. "Diese stehlen ihn nachts aus der eigenen Ladung und verkaufen ihn an Unterhändler wie die hier weiter." Kurz schweigt er und senkt den Blick. "Alle kaufen den Sprit auf diese Weise. Wir versuchen nur zu überleben."

Schließlich ist auch der Tank des Rangers bis nach oben hin voll und die Bezahlung folgt. Statt der Geldbörse zückt der Pfarrer allerdings sein Smartphone. Er lässt sich von dem Mann im Tanktop eine Nummer ansagen und tippt dann eine Weile am Bildschirm herum. Abschließend zeigt er den Touchscreen seinem Gegenüber, der sich mit einem knappen Nicken bedankt.

Steigende Preise

Die Zahlungsmethode nennt sich EcoCash und ist in vielen Fällen das Mittel der Wahl. Geldüberweisungen via Handy, ohne Brieftasche, ohne Bankkonto. Das klingt innovativ, es birgt allerdings Unsummen an Spesen. Ein mit 20 SD (Simbabwe-Dollar) angeschriebener Laib Brot kostet im Supermarkt bei Bezahlung via EcoCash an die 24 SD. Warum man es dennoch verwendet? Bargeld ist rar. Abgesehen davon, dass in abgelegenen Regionen weder Bankomaten noch Einrichtungen zur Bankkartenzahlung existieren, können aufgrund staatlicher Limitierungen von einem Bankkonto nicht mehr als 300 SD pro Woche abgehoben werden. Das sind umgerechnet etwa 15 Euro. Tendenz fallend.

Sinkende Kaufkraft

Die Inflation ist vermutlich das größte Problem der Wirtschaftskrise in Simbabwe. Die Preise steigen wöchentlich. Manchmal sogar zweimal die Woche. 2009 zog die Regierung den Simbabwe-Dollar infolge einer eskalierenden Hyperinflation aus dem Verkehr und ersetzte ihn durch ausländische Währungen wie den US-Dollar.

Heuer führte die Regierung die Landeswährung wieder ein, obwohl sich an der Wirtschaftslage in den letzten zehn Jahren kaum etwas geändert hat. Die Softeistüte, die Hwanges Eismann seinen Kunden vor zwei Monaten noch lächelnd um sieben SD in die Hand gedrückt hat, gibt er heute unter neun SD nicht mehr her. Überhaupt läuft sein Geschäft schlecht, denn trotz der glühenden Hitze leisten sich immer weniger Menschen eine Erfrischung.

Mit der Geldentwertung sinkt nämlich die Kaufkraft. Die Monatsgehälter von Volksschullehrern und Krankenpflegern entsprechen inzwischen weniger als 100 Euro. Am Land, wo der Großteil der Bevölkerung vom Kleinbauerntum lebt, verschlimmern wiederkehrende Dürreperioden und schlechte Ernten die Situation. Hunger grassiert in Teilen des Landes.

Resignation macht sich breit

Schnurrend brettert der Ranger über die Hauptstraße gen Süden. Cinderella und Hwange liegen hinter uns. Rechts zerfließt die glutrote Sonne am Horizont, links erstrahlen erste Sterne am Abendhimmel.

Vom Rücksitz her schallt lautstark die Stimme des Bergmanns. Er hat den Pfarrer gebeten, ihn auf halber Strecke mitzunehmen. Müde lauscht dieser seinen Tiraden gegen die Regierungspartei, gegen Korruption und Arbeitslosigkeit. Alles keine Neuigkeiten für jeden, der auch nur eine Woche im Land verbracht hat. Als der Mann das mangelnde Interesse seines Zuhörers bemerkt, ebbt sein Wortschwall langsam ab. Schweigen. Nur der surrende Motor ist zu hören, bis der Bergmann wieder zögerlich seine Stimme hebt: "Was für ein Vorbild soll ich meinen Kindern sein, wenn mich dieses Land zum Stehlen und Schmuggeln zwingt?"