Nun wird es also ein schwarzer Darsteller als Jesus Christus sein, der Rio de Janeiros berühmteste Sambaschule beim Karneval am kommenden Wochenende zum Sieg tragen soll. Die "Estação Primeira de Mangueira", Titelverteidigerin in der Weltmetropole des Karnevals, weiß zu provozieren und den Zeitgeist zu treffen. Im vergangenen Jahr holte sie den Titel mit einer Hommage an afrobrasilianische Künstler und Menschenrechtsverteidiger, unter anderem etwa die kurz zuvor erschossene und posthum zum Politikstar aufgestiegene lesbische afrobrasilianische Stadträtin Marielle Franco. Nackte Haut allein polarisiert hier nicht mehr.

"Ein Jesus des Volkes, der gegen die Unterdrückung kämpft", jubelt das sozialistische Wochenblatt "A Verdade" über den gewagten Plan der Mangueira. "Der Kapitalismus bringt keinen Ausweg für das Volk", sagt Mangueiras Kompositor Luis Maximo dem Blatt, ein überzeugter Sozialist und einer der künstlerischen Köpfe hinter dem mit Spannung erwarteten Auftritt. Der Mann, der Jesus spielen soll, heißt übrigens Henrique Vieira, ist nach eigenen Angaben evangelikaler Pastor, Theologe, Menschenrechtsverteidiger und Historiker.

"Ein Jesus, der der menschlichen Würde und der Nähe zu den Ärmsten der Armen verpflichtet ist, der Frieden und Gerechtigkeit verteidigt: Die Mangueira wird einen Jesus ins Sambodrom bringen, der ganz nah an der Bibel ist, der nicht besiegt, keine Vorurteile hat und niemanden ausschließt", verspricht Jesus-Darsteller Vieira. Wer will kann daraus eine Kampfansage an die immer mächtiger werdenden erzkonservativen evangelikalen Kirchen herauslesen, die zum großen Teil längst lukrative Wirtschaftsunternehmen geworden sind.

Ein Platz des historischen Widerstands

Oder eben auch eine Kritik am rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der mit seiner aggressiven Agrar- und Bergbaupolitik auf Kosten des Amazonas und der dort lebenden indigenen Völker die Wirtschaft sanieren will und zu den Evangelikalen übergewechselt ist. Aber es sind nicht nur die evangelikalen Kirchen, die über den Plan der Mangueira entsetzt den Kopf schütteln. Eine katholische Vereinigung hat eine Online-Petition wegen Blasphemie gestartet und bereits rund 115.000 Unterschriften gesammelt. Auch die Erzdiözese Rio de Janeiro, Verwalter der weltberühmten Christus-Statue in Rio, warnte davor, die Religion im Karneval zu missbrauchen. Gegen eine touristische Ausbeutung hat sie dagegen offenbar nichts.

Während der schwarze Jesus bei den Christen für Begeisterung oder Ablehnung sorgt, entdecken auch immer mehr Feministinnen den Karneval als ihre Bühne im Kampf für mehr Gleichberechtigung und Frauenrechte. Eine von ihnen ist Cristina Machado. Wenn sie in Rio de Janeiro ihre Wohnung verlässt, dann trägt Machado stets einen kleinen überlebenswichtigen schwarzen Kasten mit sich. "Ich bin die erste Frau in Rio de Janeiro, die diesen Pager bekommen hat", sagt Machado im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Er ist verbunden mit dem Knöchel des Mannes, der sie seit Jahren verfolgt, bedroht und bereits wegen häuslicher Gewalt rechtskräftig verurteilt wurde. Kommt er ihr zu nah, schlägt der Pager Alarm und Machado kann fliehen. Gleichzeitig wird ein Notsignal an die Polizei gesendet.

Gewaltopfer als Karnevalsgruppe

Die Geschichte der Schauspielerin, die in ständiger Angst leben muss, hat die feministische Karnevalsgruppe "Mulheres brillantes" (etwa: "Wunderbare Frauen") dazu bewogen, Machado zu ihrer "Madrina" (Patin) zu machen. Die Gruppe existiert seit etwa zwei Jahren und besteht unter anderem aus Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden. Die Gewaltopfer treffen sich wöchentlich, um sich gemeinsam auf den Karneval vorzubereiten. Vor allem aber auch, um unter Gleichgesinnten Erfahrungen auszutauschen und solidarisch miteinander zu sein. "Es tut gut, sich zuzuhören, in den Arm zu nehmen", sagt Machado.

"Die Augen der Welt sind in diesen Tagen auf Rio de Janeiro gerichtet. Wir müssen ein Bewusstsein für das Verhältnis zwischen Männern und Frauen schaffen. Die Freude, die der Karneval spendet, kann dabei helfen." Ziel ist, Frauen, die in einer ähnlichen Situation leben, Mut zu machen, nicht länger zu schweigen, sondern ihre Peiniger anzuzeigen und aus dem Kreislauf von häuslicher Gewalt und Unterdrückung auszubrechen. In der Gruppe finden die Frauen Ansprechpartnerinnen, die ähnliches durchgemacht haben. Die Botschaft: "Zusammen sind wir stärker, alleine kann eine Frau so etwas nicht durchstehen."

Frau an der Trommel

Derweil ist Ana Beatriz Tinoco in einer Männerdomäne des Karnevals vorgestoßen. "Ich bin verantwortlich für die "Küche", das ist der Teil der Trommelgruppe, genannt Bateria, in der die Musik bei den Umzügen gemacht wird. "Unser Repräsentanz ist sehr wichtig, denn in der Vergangenheit waren nur Männer an den Trommeln. Heute sehen wir, dass Frauen das gleiche leisten können. Sie haben immer gesagt, wir hätten dazu nicht die Kraft, heute zeigen wir, dass das nicht stimmt." Ana Beatriz und ihre Mitstreiterinnen treten unter anderem für die Sambaschule Unidos Vila Isabel auf, begeistern bei den Straßenumzügen und räumen mit alten Klischees auf.

Evangelikale Frauenministerin fordert zu sexueller Abstinenz auf

Indes hat die 38-jährige Liedermacherin Fabiola Machado von der Gruppe "Samba Moca Prosa" am letzten Wochenende vor dem Karneval den Platz im Zentrum als Auftrittsort ausgewählt, an dem früher Sklaven aus Afrika verkauft wurden: "Unsere Musik stammt aus dem ersten schwarzen Stadtviertel Rio de Janeiros, Pedra do Sal. Ein Platz des historischen Widerstands." Die Samba-Musik, die den Karneval prägt, wird von Männern dominiert. "Moca Prosa" hat sich einen kleinen Platz in der Szene erkämpft, nicht so berühmt wie ihre männlichen Kollegen, aber mit einer Symbolkraft, die weit über den Karneval hinaus geht. "Die Frauenbewegung wächst in Brasilien, in ganz Südamerika und in anderen Ländern. Sie ist eine Bewegung, die nicht mehr aufzuhalten ist. Sie werden viel Feuer brauchen, um so viele Hexen zu verbrennen."

Jedes Jahr gebe es mehr feministische Gruppen, die zusammen rausgehen und sich vergnügen. "Der Zusammenschluss dieser Frauen ist fundamental für den Karneval."

Unmittelbar vor dem Karneval hat Brasiliens evangelikale Frauenministerin Damares Alves die Jugend des Landes zur sexuellen Abstinenz aufgefordert. Dies solle ungewollte Schwangerschaften und Missbrauch verhindern, ist die Pastorin überzeugt. Wie immer, wenn das Bolsonaro-Kabinett einen polemischen Entschluss verkündet, gibt es viel Beifall und harsche Kritik im gespaltenen Brasilien. Der evangelikale Karneval zog in diesem Jahr zehntausende Gläubige an den Strand von Rio de Janeiro. Wer das Gelände betrat, fühlte sich wie in einem fremden Land: Keine Betrunkenen, keine Koks- und Marihuana-Konsumenten, kein Erbrochenes, kein Streit, nicht einmal ein freier Oberkörper. Dafür viele Fans von Jair Bolsonaro, dessen Wahlklientel beständig wächst.

1,4 Zentimeter: Das kleinste Kostüm aller Zeiten

Doch es gibt auch andere Extreme. Luana Caettano, Musa der Sambaschule Acadêmicos do Sossego, kündigte an, mit dem kleinsten "Kostüm" aller Zeiten aufzutreten: Der Streifen, der ihren Intimbereich bedecken soll, ist gerade einmal 1,4 Zentimeter breit. Die Aufmerksamkeit der Kameras und der meist männlichen Fotografen ist ihr gewiss. Caettano steckte rund 4000 Euro in ihr Kostüm, das nicht nur aus jenem kleinen Streifen besteht, über den schon jetzt berichtet wird, sondern auch aus Haardesign, Bodypainting und speziellen Sandalen. "Das Geld kommt wieder rein", sagte Caettano zu brasilianischen Medien. Sie werde für Werbung, öffentliche Auftritte und Erotikmessen gebucht.

Für Rio sind die Festtage unverzichtbar: Während der Feierlichkeiten entstehen rund 8500 temporäre Arbeitsplätze, vor allem arme Familien aus den Favelas versuchen, sich als fliegende Händler etwas dazu zu verdienen. Rios größte Tageszeitung "O Globo" geht von einem Umsatz von 2,6 Milliarden Reais (etwa 550 Millionen Euro) für Tourismus, Gastronomie und Verkehrsinfrastruktur aus. Die Sambaschule, die das Finale gewinnt, feiert eine riesige Party. Es geht auch in Zeiten knapper werdender Zuschüsse ums Geld. Die Sambakönigin, die den Titel erhält, wird TV-Star und kann sich über Werbeeinnahmen und Sponsoren freuen.