Am Himmel über Aleppo ist von den russischen Kampfflugzeugen nichts zu sehen. Aber man hört die Detonation ihrer Bomben, die sie westlich der Stadt abwerfen, wo die syrische Armee ihre Offensive fortsetzt. "Entlang dieser Straße verlief jahrelang die Front - mitten durch die Stadt", sagt Gabriel und deutet mit dem Finger. Der Mittfünfziger erzählt von Scharfschützen, die aus einer Seitengasse heraus die Straße beschossen. Um ihre Sicht zu blockieren, wurde eine Plastikplane zwischen die Häuser gespannt. Durch die Gasse geht es weiter in eine Ruinenlandschaft: Ost-Aleppo - oder das, was davon übrig ist. Ein staubiges Meer zerschossener Häuser, das bis zur Zitadelle reicht, von der Staatschef Bashar al-Assad in einem dunkelblauen Anzug von einem riesigen Poster blickt. "Die Träume der Menschen liegen in Trümmern", sagt Gabriel. Und als wolle er bei dem Gedanken nicht verweilen, eilt der kleine Mann in blauer Steppjacke weiter. Er will sein Aleppo zeigen, von dem er glaubt, dass es irgendwann wieder aufgebaut wird: die Altstadt mit ihren Kirchen, den Souk, die Zitadelle.

Durch den Krieg geteilte Stadt

Das Haus der Salesianer Don Boscos (SDB) steht im Westen Aleppos. Ein wuchtiges Gebäude mit einem steinernen Kreuz am Dach des Vorbaues. Den Orden gründete der Priester Johannes Bosco in den Armenvierteln Turins Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach Aleppo kamen die Salesianer 1948, wo sie die Verwaltung einer technischen Schule übernahmen. Die Schule wurde in den 1960ern verstaatlicht, ein Jugendzentrum betreiben sie bis heute.

Nachdem Assads Truppen mit Moskaus Hilfe die zweitgrößte Stadt Syriens in Trümmer gelegt haben, lässt sich der Staatschef auf Plakaten feiern. - © AFP
Nachdem Assads Truppen mit Moskaus Hilfe die zweitgrößte Stadt Syriens in Trümmer gelegt haben, lässt sich der Staatschef auf Plakaten feiern. - © AFP

2012 kam der Krieg nach Aleppo. "Wir dachten, dass es in zwei Wochen vorbei sein wird", sagt Pater Pier Jabloyan, Direktor des Don-Bosco-Hauses. Die Salesianer entschieden daher, ihr Jugendzentrum für einige Zeit zu schließen. "Doch nachdem ein, zwei und schließlich sechs Monate vergangen waren, sahen wir, dass es länger dauern wird." Der Krieg hatte sich in der Stadt eingegraben, die Front zerschnitt Aleppo in zwei Teile. Ein Ende der Kämpfe war nicht absehbar. Als das Jugendzentrum nach sechs Monaten wieder öffnete, kamen zunächst nur wenige Jugendliche, erzählt Pater Jabloyan. Die Eltern hatten Angst, ihre Kinder außer Haus gehen zu lassen.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Ihre Angst war berechtigt. "In ganz Aleppo gab es zu dieser Zeit keinen sicheren Ort." Menschen wurden entführt und von Scharfschützen erschossen, hinter dem Haus schlug eine Mörsergranate ein. Die Druckwelle der Detonation zerstörte die Kirchenfenster. Wenige Zeit später explodierte eine Rakete nahe eines mit Kindern vollbesetzten Don-Bosco- Busses. Doch irgendwann mussten die Eltern einsehen, dass sie ihre Kinder nicht ewig im Haus einsperren konnten. Daher kamen trotz des Krieges mehr und mehr Kinder ins Don-Bosco-Jugendzentrum. 2014 waren es 1300 Jugendliche, die Woche für Woche die Einrichtung des Salesianer-Ordens besuchten, um sich mit Freunden zu treffen, zu musizieren oder Basketball zu spielen. "Unsere größte Herausforderung während des Krieges war, normale Dinge in einer Zeit zu tun, als nichts normal war", sagt Pater Jabloyan.

Durchsiebte Fassaden

Aufbauarbeiten in der Elias-Kirche im christlich geprägten Stadtteil Jdeydeh. - © Schauta
Aufbauarbeiten in der Elias-Kirche im christlich geprägten Stadtteil Jdeydeh. - © Schauta

Neben der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben die SDB in den Kriegsjahren auch humanitäre Hilfe geleistet. Sie unterstützten Familien mit Geld und Essensrationen. Was ihn persönlich am meisten im Krieg erschüttert hat? Keine Trauer mehr zu verspüren, wenn Bekannte und Freunde sterben, antwortet der Pater.

Wegen des wirtschaftlichen Notstands sind viele Aleppiner bis heute von Hilfe abhängig. Für Kinder, die während der Kriegsjahre nicht oder nur unregelmäßig zur Schule gehen konnten, organisiert die Ordensgemeinschaft Nachhilfestunden. Ein Projekt, in dem Mikrokredite an Jugendliche vergeben werden, ist im Februar angelaufen. "Wir wollen den Menschen Hoffnung geben", so der Salesianerpater, der weiß, dass es Jahre dauern wird, aufzuarbeiten, was der Krieg zerstört hat.

Gabriel führt mit schnellen Schritten durch Aleppo. In der Altstadt gibt es kaum ein Haus, das keinen Treffer abbekommen hat. Schwarze Löcher, wo einmal Fenster und Türen waren. Millionen Kugeln haben Hausfassaden durchsiebt, Detonationen Dächer fortgerissen und Wände pulverisiert. Dazwischen das Strandgut des Krieges: Schuhe, eine zerrissene Jacke, verrostete Satellitenschüsseln. Manchmal finden sich noch Leichen unter den eingestürzten Gebäuden. Nach wochenlangem Bombardement Ost-Aleppos durch die syrische und russische Luftwaffe wurde die Schlacht um Aleppo vor Weihnachten 2016 entschieden. Die Rebellen waren besiegt. Die Menschen, die einst hier lebten, sind geflohen. In den Westen der Stadt, nach Latakia oder Tartous; andere haben das Land verlassen.

Die Straßen und Gassen wurden inzwischen vom Schutt geräumt. Die Katastrophe ist begehbar. Doch der Wiederaufbau geht nur schleppend voran.

Inmitten der verlassenen Ruinen steht ein kleiner Laden, in dem ein Mann und sein Sohn Fische verkaufen. Mit Pullover und Strickmütze der Kälte trotzend, filetiert der Sohn die frisch gefangenen Welse. Abends werden sie den rostigen Grill anwerfen und die Fische braten, erzählt der Mann mit dem Schnauzbart. Unter dem gerahmten Bild von Bashar al-Assad im Kampfanzug zwitschert ein Wellensittich in seinem Käfig.

Der Glockenturm steht wieder

Weiter geht es zur Elias-Kirche in Jdeydeh, einem alten christlichen Stadtteil von Aleppo. Im Krieg wurde einer der beiden Glockentürme weggeschossen. Bis vor drei Monaten hatte die Kirche kein Dach. Doch inzwischen haben die Aufbauarbeiten begonnen. Der Glockenturm steht wieder, unter dem neu errichteten Holzdach zimmern Tischler Kirchenbänke. Das Geld für den Wiederaufbau komme von religiösen Gemeinschaften und Privatspendern, erzählt Gabriel. "Es gibt auch etwas Geld vom Staat." Der Zugang zur syrisch-katholischen Kirche des Hl. Assia hingegen ist zugemauert. 2012 schwer beschädigt, fehlt für Reparaturen vorerst das Geld. Wann hier wieder Gottesdienste gefeiert werden, ist ungewiss. Vor dem Krieg waren zwischen vier und sieben Prozent der Bevölkerung Syriens Christen. Damit war das Land nach Ägypten jenes mit der größten christlichen Minderheit im Nahen Osten. Die Konrad-Adenauer-Stiftung schätzt, dass während des Krieges rund 700.000 syrische Christen ins Ausland geflohen sind.

Der historische Souk ist bereits bei den Kämpfen 2012 schwer beschädigt worden. Wo Händler Seide aus dem Iran, Gewürze aus Indien, Kupfer, Teppiche, Silber und Gold verkauften, sind die Geschäfte ruiniert und ausgebrannt. Da und dort sind einige Aufbauarbeiten im Gang: Eine Ladenzeile erhält ein neues Blechdach. In ein paar Marktstände sind die Metallhandwerker zurückgekehrt, klopfen Kupfer an kleinen Schmiedefeuern. Doch das magere Angebot zieht nur wenige Besucher an. "Früher wimmelte es hier wie in einem Ameisenbau", so Gabriel.

Die Zitadelle erhebt sich unter einem grauen Himmel. Durch den Torturm bläst ein eiskalter Wind. Die Festung aus dem 13. Jahrhundert wurde von den Rebellen belagert, aber nie eingenommen. Zwei Jahre lang versorgte die syrische Armee ihre Soldaten in der Zitadelle per Luft mit Lebensmitteln und mit Munition, mit der die von der Opposition kontrollierten umliegenden Stadtteile beschossen wurden. 2015 zündeten Rebellen eine Bombe in einem Tunnel unter der Zitadelle; Teile der Außenmauer stürzten ein.

Heute blickt von den mittelalterlichen Mauern ein überlebensgroßes Konterfei von Assad auf zerschossene Kuppeln, abgebrochene Minarette und ausgebrannte Wohnhäuser. Von Ferne weht das Knattern eines Maschinengewehrs herüber: Im Großraum Aleppo und der Provinz Idlib dauern die Kämpfe an.

Erinnerungen an bessere Tage

Während des Krieges verlief gleich hinter dem Hotel Baron die Front. Heute steht der wuchtige Steinbau einsam an einer stark befahrenen Straße. Die Balkone mit schmiedeeisernen Geländern sind verlassen, die Holzjalousien geschlossen. Er sei als Kind oft hierher geschickt worden, wenn es ein Fax abzuschicken gab. Das Baron sei das einzige Hotel in Aleppo mit Faxgerät gewesen, erinnert sich Gabriel.

Die Lobby mit den schwarz-weißen Fliesen und den Ledersesseln liegt im Dämmerlicht. Marmortreppen führen in die oberen Stockwerke. Es riecht nach altem Holz und Staub. Durch schmutzige Scheiben fällt das Licht auf die lange Theke mit Handlauf aus Messing. Hier hat Lawrence von Arabien sich den Staub der Wüste mit Gin aus der Kehle gespült. Seine - unbezahlte -letzte Rechnung wird bis heute im Hotel aufbewahrt.

Das Baron ist ein morsches Schiff, angespült aus einer vergangenen Zeit, gestrandet im Zentrum Aleppos. Die Kapitänin, Madame Roubina Tashjian, empfängt in einem hohen Zimmer mit ausgebleichten Vorhängen. "Das Hotel ist nie direkt getroffen worden, aber die Erschütterungen haben einigen Schaden angerichtet", sagt sie aus ihrem Polstersessel.

Der Hausdiener serviert Espresso in kleinen Tassen. Der weiße Hauspudel Cleo springt aufgeregt zwischen den Gästen hin und her. Die Fenster seien durch die Druckwellen zu Bruch gegangen. "Wir hätten sie nicht schließen dürfen", sagt Madame Tashjian.

Aber über die gegenwärtigen Sorgen wolle sie nicht sprechen. "Ich spreche lieber über die Vergangenheit", sagt die 68-Jährige. Gegründet von einer armenischen Familie 1911, als Syrien noch Teil des Osmanischen Reiches war, ist das Baron das älteste Hotel der Stadt. In der einstigen Luxusresidenz übernachteten Politiker, Künstler und Abenteurer. Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser, Gertrude Bell, Charles Lindbergh, T. E. Lawrence und Agatha Christie, die Teile ihres Romans "Mord im Orientexpress" hier schrieb.

Die Geschichten über das einstige Luxushotel haben die Zeit überdauert. Der Glanz ist vergangen. Die Reparatur des Hotels kostet ein kleines Vermögen. Niemand weiß, ob sich ein Geldgeber finden wird oder das historische Gebäude der Abrisswelle der Nachkriegszeit zum Opfer fallen wird.

Draußen ertönt der Ruf eines Muezzin zum Gebet. Eine Welle dumpfer Detonationen setzt ein. Die russische Luftwaffe fliegt erneut Angriffe. In den Einkaufsstraßen im Westen Aleppos hängt noch die Weihnachtsdekoration. Vor den Kebab-Ständen herrscht Gedränge, am Markt werden Orangen, Paprika und rotes Fleisch gekauft. Blöcke von Aleppo-Seife türmen sich meterhoch. Doch bei weiten nicht alle können sich die Waren auch leisten.

Auch Elen* muss sparen. Der Lift steht schon seit Jahren still. Während des Krieges, als Aleppo von der Wasserzufuhr abgeschnitten war und sie das Wasser von den Abfüllstationen in die Wohnungen schleppen mussten, war das besonders anstrengend, erzählt die Frau. Sie empfängt Besucher in ihrer Wohnung im Westen der Stadt, die sie mit ihrer Tochter Sarah* teilt. Wie viele in Aleppo ist sie arbeitslos. Sarah bastelt Schmuck und kleine Accessoires, die sie an Freunde und Bekannte verkauft. Grundnahrungsmittel wie Brot, Reis und Zucker sind zwar subventioniert, trotzdem sei es schwierig für sie.

Strom und Warmwasser knapp

"Die täglichen Dinge des Lebens sind für uns nicht selbstverständlich", sagt Elen. Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag, ebenso warmes Wasser. Um die Wohnung zu beheizen und um zu kochen, müssen sie Gas kaufen. Doch das sei nur begrenzt verfügbar und am Schwarzmarkt teuer. Es wird daher, wenn überhaupt, immer nur ein Raum beheizt. Sie sitzt mit Pullover und Jacke im Wohnzimmer.

Vor dem Krieg besaß Elen ein Haus in der Altstadt Aleppos. Eines der historischen Häuser, mit Innenhof, Brunnen und Arkadengang. Als 2012 der Krieg kam, blieben sie zunächst. Täglich hörten sie die Explosionen von Granaten und die Schüsse in den Straßen und Gassen des Viertels. "An manchen Tagen hatten wir kein Brot zu essen, weil wir wegen der Gefechte das Haus nicht verlassen konnten", sagt sie. "Alleinstehend mit zwei Töchtern in einem Kriegsgebiet - das war gefährlich." Schließlich floh Elen mit ihren Mädchen auf die andere Seite der Front, in den Westen, wo sie in der Wohnung einer Verwandten unterkamen. Doch der Krieg holte sie auch hier ein. "Die Detonationen von Mörser- und Raketenbeschuss war die Hintergrundmusik unseres Lebens."

Das Haus und später die kleine Wohnung wurden zu ihrem Gefängnis. "Während des Krieges habe ich die Wohnung nicht verlassen", erinnert sich Sarah. Die einzige Ausnahme waren die wöchentlichen Besuche im Jugendzentrum von Don Bosco. Ein Bus holte sie ab und brachte sie wieder zurück. Zählte die Familie einst zur Mittelschicht, ist sie jetzt im Nachkriegselend gefangen. Ihr Haus in der Altstadt ist bis auf die Grundmauern zerstört. Geld, um ein neues zu bauen, besitzen sie nicht. Und das Land, auf dem es stand, lasse sich zurzeit zu keinem vernünftigen Preis verkaufen, so die Mutter.

Russland ist groß im Geschäft

Ihre zweite Tochter lebt inzwischen in Schweden. Elen zeigt ein Hochzeitsfoto. Der Krieg mag für die Familie vorbei sein, der tägliche Kampf geht an anderer Front jedoch weiter. Sie nennen es Wirtschaftskrieg: Die Sanktionen der USA und der EU-Staaten gegen Syrien sowie die Gegenleistungen, die Russland und Iran für ihre jahrelange Hilfe fordern. So hat sich Russland hohe Gewinnbeteiligungen an den Öl- und Gasfeldern und beim Phosphatabbau gesichert, berichtet die Monatszeitung "Le Monde Diplomatique". Die Gefahr ist groß, dass Syrien seine wirtschaftliche Zukunft verpfändet. Die Krise lässt den Wert des syrischen Pfund abstürzen, was das Leben immer teurer macht. Hinzu kommen die Arbeitslosigkeit und die Abhängigkeit der Familie von Zuwendungen. Sie leben von einem Tag auf den anderen, hoffen auf ein warmes Essen und eine neue Gaskartusche, um zumindest ein Zimmer beheizen zu können. "Was morgen sein wird, wissen wir nicht."

*) Name von der Redaktion geändert