Taipeh/Seoul/Wien. Auf den ersten Blick wirkt die Zahl dramatisch: 8236 Corona-Fälle hatte Südkorea bis Montagmittag bei 51 Millionen Einwohnern registriert - damit zählt das Land zu den weltweiten Spitzenreitern. Betrachtet man die Daten genauer, beinhalten sie aber auch eine Botschaft, die unter den gegeben Umständen Hoffnung macht: Es hat dort 57,6 Tage gedauert, bis sich die Zahl verdoppelt hat.

Zum Vergleich: In Österreich, wo bis zum selben Zeitpunkt 1018 Fälle gezählt wurden, hat sich die Zahl innerhalb von lediglich 2,4 Tagen verdoppelt. Südkorea ist damit das gelungen, worum europäische Staaten gerade kämpfen: Es hält die Wachstumskurve flach, während sie bei uns steil nach oben geht.

Die Zahlen aus Taiwan sind ohnehin beeindruckend: Ganze 59 Infektionen mit dem Coronavirus wurden dort bei 24 Millionen Einwohnern bis Montag gezählt. Das ist umso erstaunlicher, als dass ein großer Austausch, über Arbeitskräfte und Touristen, mit China stattfindet.

Taiwan und Südkorea werden - neben anderen asiatischen Beispielen wie Hongkong oder Singapur - international immer wieder als Vorbild für den Umgang mit der Coronakrise genannt. Die beiden Demokratien haben auf ähnliche Strategien gesetzt: Sie reagierten enorm schnell, nutzten effizient das verfügbare Datenmaterial und versorgten die Bevölkerung, etwa durch regelmäßige Pressekonferenzen, transparent mit viel Informationen.

So erhielten Anfang Februar Smartphonebesitzer in Taiwans Hauptstadt Taipeh eine Notfall-SMS der Behörden mit einem Link zu Google Maps. Dort waren alle Orte verzeichnet, die eine mit dem Coronavirus infizierte chinesische Touristin aus Wuhan besucht hatte. Somit konnten Untersuchungen gestartet werden.

Bereits als die allerersten Berichte aus China kamen, aktivierte Taiwan den Krisenmodus - und kein Aufwand war zu gering. Nicht nur am Flughafen wurden Untersuchungen durchgeführt, auch in Schulen wurde Fieber gemessen, sogar in großen U-Bahn-Stationen, hier durch Wärmekameras. 1100 Isolationsbetten wurden geschaffen, Verdachtsfälle kamen nicht nur in Quarantäne, es wurden auch Bewegungsprofile erstellt, um die sozialen Kontakte nachzuvollziehen. Das öffentliche Leben war eingeschränkt, kam aber nicht zum Erliegen: So wurden zwar Schulferien verlängert, doch die Restaurants blieben offen. Doch besuchen sie nun viel weniger Gäste.

Auch in Südkorea blieb das öffentliche Leben zu weiten Teilen aufrecht. Wobei hier vor allem die Stadt Daegu betroffen ist - und dort allein 4000 Fälle auf die "Shincheonji Jesus-Kirche" zurückgehen, deren Mitglieder sämtliche Maßnahmen ablehnten. Derartige Brandherde stellte die Regierung unter strenge Isolation. Über andere mögliche Krisenherde wird die Bevölkerung mittels Apps informiert. Zudem führte auch Südkorea unverzüglich massenhaft Tests durch - es wurden dafür sogar eigene Drive-ins für Autofahrer geschaffen. Auch dort wurde jeder einzelne Fall genau dokumentiert, um mögliche Ansteckungen nachzuvollziehen.

Taiwan und Südkorea konnten auch deshalb so schnell reagieren, weil sie gegenüber Europa einen bitteren Wissensvorsprung haben: Beide Länder haben schon schwere Epidemien mit Dutzenden Toten durchgemacht, Taiwan die Sars-Epidemie 2003, Südkorea die Mers-Epidemie 2015. Der Ernstfall war erprobt, die Krisenpläne lagen bereit.