Tokio/Wien. In kaum einem Land ist die Zahl der Corona-Infizierten so ein Rätsel wie in Japan: Offiziell hat das Land bis Freitag noch nicht einmal 1500 Infizierte gezählt. Das ist umso erstaunlicher, als dass Japan in der Nähe von China liegt und über den Flugverkehr auch einen regen Austausch mit der Volksrepublik pflegt.

Als Grund für diese erstaunlich niedrige Zahl wurden immer wieder die hohen Hygienestandards im Land und japanische Lebensgewohnheiten genannt. Es wird etwa darauf verwiesen, dass Mundschutzmasken schon vor dem Corona-Ausbruch zum Alltag gehörten, oder auch, dass sich Japaner mit einer Verbeugung und nicht mit einem Händeschütteln begrüßen würden.

Doch internationale Medien nennen auch immer wieder einen anderen Verdacht: Dass nämlich Japan - wo in Tokio dieses Jahr die mittlerweile verschobenen Olympischen Spiele hätten stattfinden sollen - es nicht so genau wissen will. Und auch Diplomaten scheinen den japanischen Zahlen zu misstrauen: So berichtet die Zeitung "Die Welt" von einem Schreiben der deutschen Auslandsvertretungen, das am 24. März an in Japan lebende Deutsche versandt wurde: "Das Infektionsrisiko in Japan ist nicht seriös einzuschätzen", heißt es darin. Aufgrund der geringen Anzahl an Tests könnte die Dunkelziffer noch viel höher liegen.

Offenbar wird von Japans Behörden nur getestet, wer schon schwere Symptome aufweist. Die Strategie in dem Land zielt generell darauf ab, lokale Hotspots zu identifizieren und dort gezielt schärfere Maßnahmen zu setzen.

So ging das öffentliche Leben in Japan wesentlich uneingeschränkter seinen Gang als anderswo. Zwar wurden Schulen geschlossen und Großveranstaltungen abgesagt, doch die meisten Restaurants blieben geöffnet und viele Angestellte gingen weiter ins Büro. Doch mittlerweile macht sich auch in Japan, und das besonders in Tokio, große Unruhe breit.

Allein am Freitag gab es dort 40 neue Fälle. Tokio zählt damit insgesamt rund 300 Infektionen - was für eine 14-Millionen-Einwohner-Stadt nicht viel sein mag. Doch bei der Hälfte der neuen Fälle ist äußerst unklar, mit wem die betroffenen Personen in den vergangenen Tagen Kontakt hatten. Nun herrscht Sorge vor einer unvorhersehbaren Verbreitung des Virus. Tokios Behörden haben daher nun die Bewohner aufgefordert, bis 12. April nur noch dann die Wohnung zu verlassen, wenn es unbedingt notwendig ist. Und mittlerweile wird auch darüber diskutiert, ob Premier Shinzo Abe den Notstand in Japan verhängen soll. Dann würde Regionen, die stark vom Virus betroffen sind, eine Ausgangssperre drohen.

Vor allem in Tokio reagierten die Bewohner mit Panikkäufen. Die Szenen, die sich in der Hauptstadt abspielten, sind allzu bekannt: An den Supermarktkassen bildeten sich lange Schlangen, und die Regale, insbesondere die mit Klopapier bestückten, waren bald leer.

Auch auf die wirtschaftlichen Folgen bereitet sich Japan vor: Die Regierung will Insidern zufolge ein riesiges Konjunkturpaket schnüren. Dieses solle zehn Prozent des BIP ausmachen, sagten mit den Planungen vertraute Regierungsmitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters. Das Paket, das unter anderem Barauszahlungen an private Haushalte, Kreditlinien und Steuererleichterungen umfassen soll, könnte fast 470 Milliarden Euro groß sein. Der Großteil der Ausgaben wird durch neue Schulden finanziert, sagten Regierungsmitarbeiter. Für die am höchsten verschuldete Industrienation der Welt kann das zum Problem werden.(reuters/klh)