Nimmt die Bedrohung zu, wächst auch die Autorität der Regierenden. Ein Trend, der sich mit der Ausbreitung des Coronavirus weltweit beobachten lässt. So stehen mehr Menschen hinter US-Präsident Donald Trump als je zuvor und auch der politisch angeschlagene israelische Premier Benjamin Netanjahu sitzt wieder fest im Sattel. In der Krise ist Leadership gefragt, entschlossenes, konsequentes, wenn es sein muss auch hartes Durchgreifen.

Allerdings lässt sich auch der gegenteilige Trend beobachten. Revolten in Italien, Lateinamerika und in Ländern Asiens sorgen für Beunruhigung.

Noch laufen sie auf kleiner Flamme und oft unter der Wahrnehmungsschwelle. So wurde Ende der vergangenen Woche in Palermo ein Supermarkt von einer Gruppe Menschen gestürmt, die mit Waren flüchteten. Die Polizei musste eingreifen. Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando spracht von "organisierten Gruppen", die im Internet zu gewalttätigen Aktionen aufriefen.

In Rom ist man alarmiert, dass sich der wirtschaftlich benachteiligte Süden des Landes zu einem sozialen Pulverfass entwickeln könnte, sollten Ausgangssperren und Produktionsstopp noch länger dauern. Bürgermeister Orlando spricht von 2500 Hilferufen bedürftiger Menschen ohne Lebensmittel. Die allgegenwärtige Mafia hat auf eine Situation wie diese nur gewartet, um mit Wucher und Korruption die Kontrolle zu übernehmen. Die Regierung hat sofort Milliarden Euro lockergemacht, um gegenzusteuern und den Ärmsten zu helfen.

"Es ist ein Aufschrei"

Während in Österreich und anderswo in Europa die "klassische" Kriminalität abnimmt, stellt sich die Frage, ob sie mit Fortgang der Krise anderswo zunimmt. Regierungen weltweit wissen um diese Gefahr und wägen genau ab, was sie ihren Bürgern zumuten können und was nicht.

Nach Ansicht des deutschen Soziologen Michael Hartmann sind es die Schwächsten, die am ehesten rabiat werden. "Gewalttätig werden die, die mit dem Rücken zur Wand stehen", so Hartmann im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Das sei an verschiedenen Beispielen der Vergangenheit belegbar. Das gehe dann "eruptiv, aber im Grunde ziellos" vor sich: "Es ist ein Aufschrei nach dem Muster: ,Nehmt uns doch wahr!‘"

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass es im März in Haftanstalten zu Aufständen gekommen ist – weltweit, mit zahlreichen Verletzten und Toten. In einem Gefängnis im brasilianischen Sao Paulo revoltierten Häftlinge, weil im Zuge der Corona-Maßnahmen der Ausgang gestrichen worden war. Insgesamt 1300 Gefangene brachen aus und rannten durch die Straßen.

In Italien haben die Behörden Besuche in den Gefängnissen verboten. In 30 Anstalten - unter anderem in Bergamo, Neapel, Salerno und Bari – gingen Gefangene auf die Barrikaden. Dabei waren bis zu sechs Todesopfer zu beklagen. In Mailand kletterten Häftlinge auf das Dach und demonstrierten gegen ihre Einkerkerung. Die Angst, in den überfüllten Anstalten einer Ansteckung hilflos ausgeliefert zu sei, geht um. In Österreich hat man sich dazu entschlossen, den Haftantritt nach hinten zu verschieben und Gefangene nach Möglichkeit frühzeitig zu entlassen. Die Stimmung in der Justizanstalt Josefstadt mit rund 1000 Insassen sei nach Setzung zahlreicher Corona-Vorsichtsmaßnahmen "explosiv", heißt es bei der Justizwache. Man erwarte täglich eine Eskalation der Lage.

Epidemie und Aufstand

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die unkontrollierte Ausbreitung von Seuchen zu Aufständen in weit größerem Maßstab führen kann – etwa zum Bauerkrieg des Jahres 1525. Da haben eine Pestepidemie in den Jahren davor, Hungersnöte und plündernde Söldner dazu geführt, dass den Bauern der Kragen platzte, sie zu Sense und Dreschflegel griffen und sich gegen die adelige Obrigkeit erhoben. Ursache der Wut war der Umstand, dass die noblen Grundbesitzer - die untereinander in Fehden verstrickt waren - nicht für den nötigen Schutz ihrer Untertanen sorgen konnten.

Als im Jahr 1831/32 in Wien die Cholera grassierte, reagierten die Behörden teilweise ganz ähnlich wie heute. So wurden als erste Maßnahme die Fabriken geschlossen, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Anders als heute waren die entlassenen Arbeiter dann völlig ohne Brot. Wer nicht aus Wien kam, wurde in seine Heimat abgeschoben. Das Kaiserhaus fürchtete nicht ohne Grund Aufstände und zog sich ins Belvedere und nach Schönbrunn zurück. Beide Paläste wurden hermetisch von Soldaten abgeriegelt. Die befürchtete Revolution kam trotzdem - allerdings einige Jahre später, 1848.

Armen Indern droht Katastrophe

In vielen Ländern mit ärmerer Bevölkerung gibt es für viele Bürger bis heute keinerlei soziale Sicherungssysteme. Beispiel Indien: Viele Bauarbeiter oder auch Rikschafahrer, Schuhputzer oder Hausangestellte bekommen nur Geld, wenn sie arbeiten - von Krankenstand oder Arbeitslosengeld können sie nur träumen. Das verdiente Geld reicht zumeist gerade aus, um Tag für Tag ihre Familien zu ernähren.

Hunderte Millionen Indern in derartigen Lebensverhältnissen droht nun eine Katastrophe. Denn die Regierung des 1,3 Milliarden-Einwohner-Staates, der bisher knapp über 1000 Corona-Infizierte gezählt hatte, hat Mittwoch vergangener Woche eine dreiwöchige Ausgangssperre verhängt. Damit wollen Premier Narendra Modi und sein Krisenstab die Ausbreitung des Virus eindämmen - gleichzeitig haben sie damit unzähligen Bürgern ihr Einkommen genommen.

Es spielen sich bereits dramatische Szenen ab: In Neu-Delhi strömten hunderttausende Menschen an die Stadtgrenze, um mit den letzten Bussen in ihre Heimatdörfer zu kommen. Doch der Busverkehr wurde eingestellt. Viele Familien wandern mittlerweile an Indiens Autobahnen entlang – und haben Angst vor Sicherheitskräften, weil sie die Ausgangssperre missachten. Andere haben es erst gar nicht so weit geschafft, weil sie die Polizei wieder in die Städte zurückgescheucht hat.

In der westindischen Stadt Surat haben hunderte Wanderarbeiter, die ihren Job verloren haben, demonstriert, dass sie in ihre Heimatdörfer zurückwollen. Als ihnen erklärt wurde, dass das nicht möglich sei, warfen sie Steine auf die Polizisten, die die Arbeiter daraufhin mit Tränengas auseinandertrieb. In den Städten strömen immer mehr Menschen zu den noch verblieben Armenausspeisungen – und werden dort, so berichteten es Augenzeugen aus Neu-Delhi, teils von der Polizei mit Schlagstöcken auseinandergetrieben."Der Druck ist dramatisch gestiegen. Die Leute können nicht auf die Straße gehen, und wenn das so bleibt, wird die Situation explodieren", zitierte die "New York Times" den Organisator einer Armenausspeisung.

Noch mehr Unsicherheit

Ein derartiges Szenario versucht nun die Regierung in Indonesien zu vermeiden. Dort haben die Sicherheitsberater von Präsident Joko Widodo vor sozialen Unruhen im Zuge der Corona-Krise gewarnt. Die Regierung bastelt gerade an einem Notpaket, das laut Medienberichten acht Milliarden Dollar schwer sein soll und auch Hilfszahlungen vorsieht für Bürger, die ihre Arbeit verloren haben – auch im informellen Sektor. Bisher hat Indonesien fast 1300 Infizierte registriert. Bald könnten auch dort drastische Ausgangssperren verkündet werden.

War die Corona-Epidemie zunächst eine Krise der Industriestaaten, ereilt sie nun immer mehr Entwicklungs- und Schwellenländer. Auch in Nigeria fürchtet die Regierung, obwohl es bis Montag erst 98 bestätigte Fälle gab, das Schlimmste und hat 14-tägige Ausgangsbeschränkungen für die Großstädte Lagos und Abuja verhängt. Wie das dort, wo Millionen Menschen täglich ums Überleben kämpfen, funktionieren soll, ist völlig unklar.

"Risiken sind im Leben der Armen allgegenwärtig", schreiben die beiden Wirtschaftswissenschafter Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo in ihrem Buch "Poor Economics". Wird ein Kind schwer krank und benötigt plötzlich Medikamente, zerstört schlechtes Wetter die Ernte oder sperrt eine Fabrik zu – dann kann das arme Familien vor existenzbedrohende Probleme stellen. Durch das Coronavirus ist dieses Risiko noch einmal enorm gestiegen, und mancherorts ziehen die Maßnahmen der Regierungen nun vielen Armen endgültig den Boden unter den Füßen weg. Das könnte noch in vielen Ländern für dramatische Situationen sorgen.