Die österreichische Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik sieht einen wachsenden Einfluss Chinas auf multilaterale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO. Die von US-Präsident Donald Trump kritisierte WHO-Empfehlung, in der Coronakrise die Grenzen für Reisende aus China nicht zu schließen, findet die Professorin der Universität Wien zwar "sehr eigenartig", wie sie der APA sagte.

"Noch wichtiger" erachtet Weigelin-Schwiedrzik allerdings, dass die WHO die Warnung aus Taiwan vom 31. Dezember 2019 nicht beachtet habe. Auf dieses Schreiben, in dem Taiwan die WHO über Fälle von außergewöhnlichen Lungenentzündungen durch ein SARS-ähnliches Virus in der chinesischen Stadt Wuhan informierte, "ist nie eingegangen worden". Das lasse den Schluss zu, dass "eine gewisse Komplizenschaft zwischen der WHO-Führung einerseits und der chinesischen Regierung andererseits zu vermuten wäre".

Die WHO rechtfertigte sich unlängst mit dem Argument, dass in dem Schreiben "in keiner Weise eine Übertragung von Mensch zu Mensch erwähnt" worden wäre. Taiwan dagegen vermutet, dass die Organisation auf Wunsch der chinesischen Regierung nicht reagiert habe, so Weigelin-Schwiedrzik. Auf Druck Chinas hatte Taipeh 2016 ihren Beobachterstatus bei der WHO verloren.

Die China-Expertin verweist darauf, dass WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus am 28. Jänner persönlich von Staatspräsident Xi Jinping empfangen wurde. Hinterher habe Tedros nicht nur die Bemühungen Chinas gelobt, sondern sich auch "ausdrücklich sehr positiv über Xi Jinping" geäußert. Dabei gab es zu jener Zeit bereits Kritik an Xi in China. Der Präsident soll demnach seit 31. Dezember über das Coronavirus Bescheid gewusst, aber nicht entsprechend agiert haben.

Absprachen mit China

Interessant findet Weigelin-Schwiedrzik auch die WHO-Begründung für die Ausrufung des Gesundheitsnotstands Ende Jänner. Der Schritt sei nicht als Misstrauensvotum gegen China zu verstehen, hatte Tedros am 30. Jänner betont. Das zeige: "Der hält sich an die Absprachen mit der chinesischen Regierung, wobei er dies damit begründet, dass man ja mit der chinesischen Regierung besonders gut zusammenarbeiten müsse, damit man alle Informationen und Daten aus China bekommt."

Tedros habe "schon recht", danach zu trachten, "mit der chinesischen Regierung ein Auskommen" zu finden. Gleichzeitig habe er "leider gewisse Elemente in seinem Lebenslauf, die ihn etwas sehr empfänglich für chinesische Order machen", so die Sinologin. Es scheine so zu sein, dass China Tedros bei seiner Wahl zum WHO-Generalsekretär in einer Kampfabstimmung 2017 massiv unterstützt habe, sagt Weigelin-Schwiedrzik. Dem WHO-Chef würden zudem Ambitionen auf den Posten des UNO-Generalsekretärs nachgesagt. Für die Verwirklichung dieser Pläne sei er auf die Unterstützung Chinas angewiesen.

Ins Bild passt auch der "sehr interessante" Besuch der WHO in China. Der Besuch erfolgte am 22. Februar und damit vier Wochen, nachdem Wuhan am 23. Jänner geschlossen worden war. Obwohl die WHO über ausgewiesene Ostasien-Spezialisten verfüge, waren "in dieser Delegation Leute, die keine Ahnung von China hatten". Die Teilnehmer hätten sich nach der Reise bewundernd über China geäußert und der kanadische Delegationsleiter habe laut Medienberichten sogar erklärt: "Wenn ich Covid-19 hätte, würde ich in China behandelt werden wollen." Weigelin-Schwiedrzik: "Das ist eine ganz typische Vorgangsweise der chinesischen Seite, dass bei solchen Delegationen nur bestimmte Leute zugelassen werden." Personen, die chinesisch sprechen, sich mit dem Land auskennen und erkennen, ob sie in Potemkinschen Dörfern oder der Realität zu Besuch seien, wären nicht willkommen.

Das alles zeigt, dass "die Chinesen in der WHO an Einfluss gewonnen haben", sagt Weigelin-Schwiedrzik. China versuche sich als "multilateraler Player zu positionieren", während die USA sich aus multilateralen Organisationen immer weiter zurückziehen. "Die Frage, hat die WHO richtig gearbeitet, ist eigentlich eine Diskussion um die Frage, wie erfolgreich können die Chinesen ihren Einfluss auf multilaterale Organisationen nutzen, um ihren Anspruch, als Weltmacht anerkannt zu werden, durchzusetzen." 1995 habe China diesen Strategiewechsel vollzogen: Peking habe sich in internationalen Organisationen engagiert, "um zu lernen, was man da alles lernen kann". So wurden etwa Soldaten zur UNO-Truppe in den Sudan geschickt. Seit 2010/2011 bemühe sich Peking darüber hinaus, auch Persönlichkeiten chinesischer Herkunft in Führungspositionen von multilateralen Organisationen unterzubringen. Nun gebe es sogar die Bemühung, ins Führungskomitee des UNO-Menschenrechtsrats hineinzukommen.

Als Fehler der WHO sehen Kritiker retrospektiv nicht nur die fehlende Reisewarnung und die Missachtung des taiwanesischen Schreibens. Die WHO hatte Mitte Jänner noch erklärt, dass es für die Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch "keine klaren Beweise" gebe. Kurz darauf hatte die WHO entgegen der Erwartungen keine "Notlage von internationaler Tragweite" erklärt. Das weltweite Risiko wurde als "moderat" eingeschätzt. Wenige Tage später sprach eine Sprecherin von einem "Formulierungsfehler". Am 24. Jänner, als Wuhan und andere chinesische Städte bereits abgeriegelt waren und Großveranstaltungen zum chinesischen Neujahrsfest auch in Peking abgesagt wurden, empfahl Tedros keine Reise- und Handelsbeschränkungen. Ende Jänner wurde dann der internationale Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Alle Verantwortung für die Ausbreitung der Pandemie der WHO zuzuschreiben, greift nach Ansicht von Weigelin-Schwiedrzik allerdings zu kurz. Auch die südkoreanische Außenministerin Kang Kyung-wha habe unlängst in einem Interview erklärt, dass die WHO zwar anfangs Fehler gemacht habe, so Weigelin-Schwiedrzik. Die Ministerin betonte aber gleichzeitig, dass Südkorea mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation sehr gut gefahren sei und sich von der WHO unterstützt fühle.

WHO warnt seit 2016

Die WHO habe bereits seit 2016 regelmäßig vor einer Pandemie dieser Art gewarnt, gibt die Expertin zu bedenken. Auch Europa und die USA hätten schon früher "wach werden" und nach Ostasien schauen können, meint die Sinologin. "Man muss schon sagen, dass Europa und die USA so lange wie möglich gewartet haben, um sich mit dieser Realität auseinanderzusetzen, und das ist nicht deshalb, weil die WHO uns nicht gewarnt hat. Im Gegenteil, es wurde abgewartet, obwohl die WHO uns gewarnt hat."

Österreich hat nach Ansicht von Weigelin-Schwiedrzik zwar früh reagiert, aber im Prinzip hätte man sich auch schon ab Jänner vorbereiten können. "Erst als es in Italien losging, hat es hier bei uns geklingelt." Verwundert zeigt sich die Expertin, dass während die AUA und europäische Fluglinien ihre Flüge Ende Jänner nach China stoppten, die chinesischen Airlines auf dem Flughafen Wien noch "behandelt worden sind, als wär da nichts". So seien rund 400 Passagiere aus China pro Woche in Wien gelandet, und es habe keinerlei Maßnahmen am Flughafen gegeben. In Asien dagegen seien seit der SARS-Krise 2002/2003 Fiebermess-Einrichtungen am Flughafen Standard.

Weigelin-Schwiedrzik plädiert, die Entwicklungen in Ostasien genau zu beobachten und auf mögliche Rückschlüsse zu prüfen. Die nun in Österreich beginnenden Lockerungsmaßnahmen und der Prozess der langsamen Aktivierung der Wirtschaft haben in China schon vor Wochen gestartet. Die chinesische Bevölkerung reagiert allerdings "sehr zögerlich", erzählt die Expertin. "Die Menschen haben mehr Angst vor einer Ansteckung, als es vielleicht der Regierung recht ist." Und so käme es, dass etwa "Take away"-Services von Restaurants nicht in Anspruch genommen würden, "Straßen immer noch sehr leer" und "die Leute extrem vorsichtig" seien. Wegen Ängsten vor Covid-19 gab es Massenschlägereien zwischen jungen Männern aus Wuhan und welchen aus anderen Regionen.

Vorsicht vor den Zahlen

Hinzu komme in China, dass die Chinesen offiziellen Angaben gegenüber "wesentlich misstrauischer sind". Dass die SARS-Epidemie 2002/2003 lange verschwiegen wurde, "steckt den Leuten immer noch in den Gliedern". Auch bei der Corona-Pandemie sei, was die Zahlen der Infektionen und Toten betrifft, Vorsicht geboten, sagt die Expertin. "Nach meiner Auffassung sind Zahlen in China immer mit Vorsicht zu genießen." Weigelin-Schwiedrzik sprach sich dennoch für einen pragmatischen Umgang aus: "Man kann tausendmal spekulieren, dass das nicht die richtigen Zahlen sind, aber es sind die einzigen Zahlen, die wir haben." Die Wissenschaft in aller Welt arbeite mit diesen Zahlen und nicht zuletzt auch die WHO. (apa)