Washington/Berlin. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat im Streit um ihre Rolle in der Coronakrise Unterstützung von 23 Ländern der von Deutschland initiierten "Allianz für Multilateralismus" bekommen. In einer Erklärung betonten die Außenminister am Donnerstag die Bedeutung der globalen Kooperation und internationalen Organisationen im Kampf gegen die Pandemie. Österreich schien nicht in der Liste auf.

"Wir müssen in unserer Menschlichkeit vereint bleiben", hieß es nach einer Videokonferenz in der Erklärung zum Support der Weltgesundheitsorganisation. "Die Covid-19-Pandemie ist ein Weckruf für Multilateralismus." Man unterstütze den Aufruf der Vereinten Nationen zu globaler Solidarität in der Krise "und besonders die Rolle der WHO bei der Koordination der Antwort auf die Epidemie im Gesundheitsbereich".

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sicherte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in einem Telefonat die volle Unterstützung zu, hieß es am Donnerstag nach einem Telefonat der beiden.

Anders als Deutschland hat sich die türkis-grüne Regierung noch nicht positioniert

Deutschlands Außenminister Heiko Maas erklärte, die WHO bleibe "das Rückgrat der internationalen Pandemiebekämpfung". Es mache gerade jetzt überhaupt keinen Sinn, die WHO, ihre Funktionsfähigkeit oder ihre Bedeutung, in Frage zu stellen. "Das ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt", sagte der SPD-Politiker. "Sie zu schwächen wäre nichts anderes, als in einem laufenden Flug den Piloten aus dem Flugzeug zu werfen, und das halten wir nicht für verantwortbar."

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte sich auch klar hinter die Weltgesundheitsorganisation. Bei einer von Trump einberufenen Videokonferenz der Staats- und Regierungschefs von sieben führenden Industrieländern (G7) habe Merkel betont, dass die Pandemie nur mit einer starken und koordinierten internationalen Antwort besiegt werden könne, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstag mit. Hierfür habe sie der WHO sowie weiteren Partnern, wie der Impfstoff-Allianz CEPI ("Coalition for Epidemic Preparedness Innovations") und der Globalen Impfallianz GAVI, ihre volle Unterstützung ausgesprochen.

Die türkis-grüne Bundesregierung in Wien hat sich bisher nicht offiziell zum Vorgehen Trumps gegenüber der WHO geäußert. Es gebe hierzu keine Stellungnahme von Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP), hieß es bereits am Mittwoch auf APA-Anfrage.

Die "Allianz für Multilateralismus" war 2018 von Maas initiiert worden, um die internationale Zusammenarbeit zu stärken. Sie hat keine festen Mitglieder wie die G7 oder G20 und tagt in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Das Abschlussdokument zur Corona-Krise unterzeichneten am Donnerstag neben Maas die Außenminister von Argentinien, Belgien, Kanada, Chile, Costa Rica, der Dominikanischen Republik, Estland, Äthiopien, Finnland, Frankreich, Irland, Indonesien, Italien, Jordanien, Mexiko, den Niederlanden, Norwegen, Peru, Singapur, Südafrika, Schweden und Spanien.

Trump legt nach: Die WHO sei "ein Werkzeug Chinas"

Aus der Sicht von US-Präsident Donald Trump verlief das Gespräch der Staatenlenker der G7 allerdings etwas anders. Ein großer Teil der Unterredung habe sich "auf die mangelnde Transparenz und das chronische Missmanagement der Pandemie durch die WHO konzentriert", hieß es in einer Erklärung des Weißen Hauses. Die Staats- und Regierungschefs hätten sich "für eine gründliche Untersuchung und einen Reformprozess" ausgesprochen, hieß es weiter.

Trump hatte am Dienstag einen vorübergehenden Stopp der Beitragszahlungen an die WHO veranlasst. Er machte die Organisation für die vielen Toten in der Krise mitverantwortlich und warf ihr vor, die Epidemie mit Missmanagement und Vertrauen auf Angaben aus China dramatisch verschlimmert zu haben. Seine Regierung werde in den kommenden 60 bis 90 Tagen prüfen, welche Rolle die WHO bei der "schlechten Handhabung und Vertuschung der Ausbreitung des Coronavirus" gespielt habe. Trumps Schritt stieß international auf Kritik - zumal dem US-Präsidenten selbst vorgeworfen wird, die Krise über eine lange Zeit kleingeredet zu haben.

Trump griff die WHO kurz vor dem G7-Gipfel erneut scharf an. Die WHO sei "ein Werkzeug Chinas" in der Krise gewesen, sagte er am Mittwochabend (Ortszeit). "Schauen Sie sich alles an, was passiert ist, sie haben falsch gelegen." Das sei entweder ein "tragischer Fehler" gewesen, oder die WHO habe bewusst so gehandelt. Die US-Regierung hat derzeit turnusgemäß den Vorsitz der G7-Gruppe inne, zu der auch Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Kanada und Japan gehören. Ein für Juni in den USA geplantes G7-Gipfeltreffen hatte Washington wegen der Pandemie abgesagt.

USA prüfen Berichte über Labor-Theorie in China

Die USA wollen Berichte prüfen, wonach die Coronavirus-Pandemie ihren Ausgang in einem Forschungslabor in Wuhan (China) genommen haben könnte. "Wir ermitteln umfassend zu allem, was wir darüber erfahren können, wie dieses Virus in die Welt kommen und eine solchen Tragödie anrichten konnte", sagte US-Außenminister Mike Pompeo am Mittwoch dem Sender Fox News zu einem Bericht der "Washington Post". Der Zeitung zufolge hatte die US-Botschaft in Peking das US-Außenministerium vor zwei Jahren auf unzureichende Sicherheitsmaßnahmen in einem Forschungslabor in Wuhan hingewiesen. Die USA wüssten, dass es in dem Labor in der zentralchinesischen Provinz Hubei "hochansteckende Stoffe" gab, sagte Pompeo dem Fernsehsender. Sowohl Fox News als auch die "Washington Post" hatten unter Berufung auf anonyme Quellen berichtet, dass sich der erste Mensch in diesem Labor angesteckt und dann das Virus verbreitet haben könnte.

Chinesische Wissenschafter gehen davon aus, dass das Virus Ende 2019 in Wuhan auf einem sogenannten wet market, wo auch exotische Tiere geschlachtet werden, erstmals von Tieren auf Menschen übertragen wurde. US-Präsident Donald Trump, der die Pandemie anfangs verharmlost hatte, spricht zur Empörung Pekings gerne von dem "chinesischen Virus". Laut der "Washington Post" hatten Vertreter der US-Botschaft zwei Jahre vor der Pandemie das Institut für Virologie in Wuhan besucht, das Fledermäuse untersucht, die für die Sars-Epidemie verantwortlich gemacht werden. Die Atemwegserkrankung Sars, an der 2002/2003 knapp 800 Menschen starben, wird ebenfalls durch ein Coronavirus ausgelöst. Dem Bericht zufolge wiesen die US-Vertreter damals auf unzureichende Sicherheitsmaßnahmen in dem Labor hin.

Raab und Macran kritisieren Chinas Krisenmanagement

Frankreich und Großbritannien haben den Umgang der chinesischen Regierung mit der Corona-Krise infrage gestellt. Peking müsse "harte Fragen" zum Ausbruch des neuartigen Coronavirus beantworten, sagte der britische Außenminister Dominic Raab am Donnerstag in London. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron äußerte Zweifel an Chinas Krisenmanagement. China müsse darlegen, "wie es dazu kam und wieso es nicht früher gestoppt werden konnte", erklärte Raab, der den erkrankten Premierminister Boris Johnson vertritt. Er betonte: "Nach dieser Krise können wir nicht zur Tagesordnung übergehen."

Macron sagte gegenüber der "Financiual Times" zu China: "Es sind offensichtlich Dinge geschehen, von denen wir nichts wissen". Auf die Frage, ob die Krise nicht die Schwächen westlicher Demokratien und die Vorteile autoritärer Regierungen wie China offenbart hätte, betonte Macron die Unterschiede zwischen Ländern, in denen Informationen frei fließen, und solchen, in denen die Wahrheit unterdrückt werde. "Angesichts dieser Unterschiede, der getroffenen Entscheidungen und dessen, was China heute ist, was ich respektiere, sollten wir nicht so naiv sein und sagen, dass es viel besser damit umgegangen ist", so der französische Präsident.

China weist Vorwürfe zurück

Russland nahm China gegen die internationale Kritik in Schutz. Präsident Wladimir Putin lobte in einem Telefonat mit Chinas Staatschef Xi Jinping den Umgang Pekings mit der Pandemie, wie der Kreml am Donnerstag mitteilte. Die Schuldzuweisungen an China nannten Xi und Putin demnach "kontraproduktiv".

Der chinesische Außenamtssprecher Zhao Lijian wies den Bericht von Fox News zurück. Die Weltgesundheitsorganisation WHO habe erklärt, es gebe keine Hinweise darauf, dass der neuartige Erreger aus dem Labor in Wuhan stamme. Bisher starben weltweit fast 140.000 Menschen nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Außenamtssprecher Zhao hatte seinerseits einmal erklärt, die US-Armee könnte das Virus nach China gebracht haben. (apa, dpa, afp)