Das Coronavirus könnte in Brasilien so schlimme Folgen haben wie in New York oder Norditalien. Mehr als 67.000 Menschen haben sich im ganzen Land infiziert, über 4600 sind im Zusammenhang damit bisher gestorben. Laut der Beobachtungsstelle brasilianischer Universitäten verdoppelte sich die Zahl der mit dem Coronavirus Verstorbenen zuletzt innerhalb von acht Tagen. "Das ist der Beginn der schwierigsten Phase in Brasilien", sagt der Politikwissenschafter Mauricio Santoro von der Universität des Bundesstaates Rio de Janeiro.

"Wir sind in einem sehr kritischen Moment der Pandemie. Der Andrang ist sehr groß", erklärt Werner Scheinpflug, Direktor der öffentlichen Kliniken in der Metropole Rio de Janeiro. Dort gibt es keine freien Betten für Corona-Patienten mehr. Nun setzt Rio auf provisorische Hospitäler in Zelten - unter anderem im berühmten Maracana-Stadion. In der größten Stadt des 210-Millionen-Einwohner-Landes, Sao Paulo, gibt es Probleme bei der Versorgung mit Schutzmaterial. Zuletzt demonstrierten Krankenschwestern und Pfleger wegen fehlender Ausrüstung.

Dramatische Szenen spielen sich auch im Rest des Landes ab. "Wollt ihr uns nicht drannehmen?", flehen die Angehörigen von Dona Amalia. Doch die Sanitäter hinter der verschlossenen Eingangstür des Krankenhauses in der Amazonas-Metropole Manaus reagieren nicht. Schließlich kommt ein Mann heraus. "Wir können nichts machen", sagt er. Dann bricht das Video ab. Auf Anfrage versichert das örtliche Gesundheitssekretariat, dass die Frau letztlich versorgt worden sei. Allerdings sei sie da schon im Sterben gelegen.

Massengräber ausgehoben

Das Krankenhaus ist seit kurzem ausschließlich für Covid-19-Patienten reserviert - andere Notfälle werden nicht behandelt. In Manaus herrschten bereits vor dem Ausbruch der Pandemie chaotische Zustände. Funktionäre wurden wegen Korruption verhaftet, Gehälter nicht gezahlt. Nun erzählen Bewohner, dass sie aufgefordert werden, nur noch bei Atemproblemen ein Spital aufzusuchen. "Das System ist kollabiert", sagt einer von ihnen. Nachdem ein Video kursierte, das Patienten neben in Plastikfolien gewickelte Toten zeigte, wurde ein Kühlcontainer zur Lagerung von Leichen vor einem Krankenhaus aufgestellt. Massengräber wurden ausgehoben, die Särge werden übereinandergestapelt.

Dennoch ist der Umgang mit der Krise in Brasilien oftmals betont lässig: In Rio de Janeiro nehmen Leute zu einem Plausch auf der Straße die Schutzmaske ab, manche stehen in Gasthäusern zusammen. "Sie wollen den Ernst der Lage noch nicht wahrhaben", meint ein Taxifahrer.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro will die Wirtschaft unter allen Umständen am Laufen halten. - © APAweb / AFP, Evaristo SA
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro will die Wirtschaft unter allen Umständen am Laufen halten. - © APAweb / AFP, Evaristo SA

Auch Präsident Jair Bolsonaro nahm das Coronavirus erst auf die leichte Schulter und nannte es eine "kleine Grippe". Später sprach er zwar von "einer der größten Herausforderungen unserer Generation". Der Rechtsaußenpolitiker will aber die Wirtschaft unter allen Umständen am Laufen halten. Selbst in Bolsonaros Kabinett keimte Widerspruch auf, die Regierung ist in Dauer-Turbulenzen. Anfang des Monats entließ der Präsident den populären Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta, der für härte Corona-Bekämpfungsmaßnahmen eingetreten war. In der vergangenen Woche trat der ebenfalls beliebte Justizminister Sergio Moro zurück. Auslöser dafür war die von Bolsonaro angeordnete Entlassung von Bundespolizeichef Mauricio Valeixo, eines Vertrauten des Justizministers. Nachfolger ist Bolsonaros ehemaliger persönlicher Sicherheitschef Alexandre Ramagem.

Moro warf dem Staatsoberhaupt politische Einflussnahme vor, welche die Glaubwürdigkeit der Regierung erschüttere. Der Fall beschäftigt mittlerweile sogar das Oberste Bundesgericht des Landes. Es genehmigte nun ein Verfahren gegen Bolsonaro. Das Gericht gibt der Bundespolizei 60 Tage Zeit, um Moro zu dessen Vorwürfen zu befragen. Die Untersuchung könnte in ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bolsonaro münden - oder in eine Anklage gegen den Ex-Minister wegen Falschaussage.

Nachbar Argentinien erfolgreich

Ganz anders als Bolsonaro hat Nachbar Argentinien auf die Krise reagiert. Im zweitgrößten Land Südamerikas gilt seit 20. März eine restriktive Ausgangssperre für die 45 Millionen Bürger. Die meisten Menschen dürfen ihre Wohnungen nicht verlassen. Erlaubt sind nur Besorgungen in nahen Lebensmittelgeschäften und Apotheken. Die Polizei sanktioniert Verstöße hart.

Nur 4000 Personen wurden positiv auf Covid-19 getestet, das sind knapp sechs Prozent des brasilianischen Wertes. Und keine 200 Personen sind mit dem Virus gestorben - nicht einmal ein Zwanzigstel so viele wie in Brasilien. (dpa/afp)