Die Angst geht um in Europa. Im Jahr 1349 sucht eine tödliche Seuche den Kontinent heim, der unsichtbare Erreger rafft Millionen Menschen dahin. Die Lymphknoten der Kranken schwellen zu dunklen Beulen an, die Plage bekommt einen Namen: der Schwarze Tod. Die Schuldigen für die Verbreitung der Pest sind schnell ausgemacht: jüdische Mitbürger. Sie waren schon vor dem Ausbruch der Seuche verhasst, nun aber erlebt die Judenverfolgung einen Höhepunkt.

Der alte Verschwörungsmythos von der Brunnenvergiftung kommt verstärkt zum Einsatz, den Juden wird vorgeworfen, so die Pest ausgelöst zu haben. In zahlreichen Städten geht der Mob auf jüdische Mitbürger los, jagt sie, verbrennt sie bei lebendigem Leib, hängt sie auf. Die Pogrome folgen der Ausbreitung der Pest und dehnen sich von den Mittelmeerhäfen im Süden nach Norden aus. Dass die Pest auch dort wütet, wo es keine jüdischen Gemeinschaften gibt, interessiert den Mob wenig.

"Die Juden wurden immer wieder als Sündenböcke ausgemacht", sagt Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, "sei es bei der Pest 1349 oder Ebola, der Schweinegrippe und jetzt Corona." Galten die Juden im 14. Jahrhundert als Brunnenvergifter, hieße es heute, dass sie - allen voran der ungarische Philanthrop George Soros - hinter der 5G-Technologie steckten, die Menschen krank machen würde. Die Sozialen Medien funktionieren als Brandbeschleuniger: "Im Internet kursieren Bilder mit den alten, langnasigen Fratzen, wie man sie aus dem ,Stürmer‘ kennt", sagt Wetzel. Nur sei heute eben das Virus mit im Bild.

Der Sündenbock macht die Welt erklärbarer

Die jüdische Weltverschwörung macht auch vor Corona nicht halt. Doch auch andere Gruppen müssen als Sündenbock herhalten. Bestehende Ressentiments verfestigen sich in Krisenzeiten, das gilt auch für die Corona-Pandemie. Gerade in Zeiten der kollektiv erlebten Frustration suchen die Menschen nach Ursachen: "Das hilft, Probleme zu lösen - normalerweise", sagt Arnd Florack von der Fakultät für Psychologie an der Universität Wien, "aber die Suche nach Antworten kann eben auch zu falschen Anschuldigungen führen." Unsicherheiten und der Wille, die Verantwortung für die Krise von sich zu weisen, motiviere dazu, andere Erklärungen zu finden - und das eigene Weltbild wieder zurechtzurücken.

Hinzu kommt die Angst vor dem Unsichtbaren: Etwas, das man nicht sehen kann, hat weltweit zu drastischen Maßnahmen geführt. Schnell wird ein Schuldiger gesucht: So werden etwa in Indien Muslime für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich gemacht, der Ausdruck "Corona-Dschihad" macht die Runde. Die Diskriminierung begann, nachdem eine Veranstaltung einer muslimischen Sekte zum Ansteckungsherd wurde. Seither werden Muslime nicht mehr auf Märkte gelassen, die Polizei geht mit Gewalt gegen sie vor. Auch führende Politiker verbreiten Gerüchte - etwa, dass muslimische Händler ihre Ware bespucken, um das Virus zu verbreiten. Die Diskriminierung der Muslime hat in Indien eine lange Geschichte, nun werden die Ressentiments verstärkt.

Ähnliches gilt für Australien. Der Pazifikstaat hat wegen seiner geografischen Lage viele asiatische Einwanderer, Rassismus gehört für sie zum Alltag. Doch seit dem Ausbruch des Coronavirus sind Bürger mit asiatischem Aussehen vermehrt Angriffen ausgesetzt. So wurde das Haus einer chinesisch-stämmigen Familie in Melbourne mit Steinen beworfen und mit rassistischen Graffiti besprüht. Studentinnen berichten von Angriffen in der Innenstadt, ein Arzt wurde beschimpft, als er vor einem chinesischen Take-Away wartete. In Australien reagierten Politiker im Sinne der Opfer: "Für ein solches Verhalten gibt es in unserem Staat keinen Platz", sagte der Premier des Bundesstaates Victoria, Daniel Andrews. Und auch der Premier Australiens Scott Morrison verurteilte die rassistischen Angriffe auf asiatisch-stämmige Mitbürger.

Trump schürt Ressentiments

Im Gegensatz dazu schürt US-Präsident Donald Trump Ressentiments auch in der Corona-Krise, Schuldzuweisungen heizt er an. Seine Anhänger machen die Weltgesundheitsorganisation WHO, Microsoft-Gründer Bill Gates und den Virologen Anthony Fauci für die Krise verantwortlich. Und Trump gibt ihnen recht - etwa, wenn er die Zahlungen an die WHO einstellt oder über Twitter Angriffe auf Fauci verbreitet.

Doch nicht nur Minderheiten dienen in der Krisenzeit als Sündenböcke. So bezeichnet die spanische Regierung Kinder als "starke Übertragungsvektoren" - ohne wissenschaftliche Belege dafür zu liefern. Die Folge: Die Bevölkerung nimmt Kinder als gefährliche Virenschleudern wahr. Im besonders hart betroffenen Spanien durften Kinder das Haus wochenlang gar nicht verlassen. Wer dennoch mit Kindern unterwegs war, etwa um wichtige Besorgungen zu machen, wurde häufig beschimpft und musste mit hohen Geldstrafen rechnen. Durch die Art, wie Politiker über sie sprechen, würden Kinder diskriminiert, heißt es in einer Beschwerde durch eine Anwältin. Experten warnen, dass Angstzustände bei Kindern in Spanien zunehmen. "Kinder machen als Sündenbock überhaupt keinen Sinn", wundert sich Psychologe Florack, "unsere Theorien passen damit nicht zusammen."

"Kein langfristiges Phänomen" bei Kindern

Kinder sind ein Teil der Gesellschaft und kein Feind, der vermeintlich von außen kommt. "Deshalb ist das sicher kein langfristiges Phänomen", so Florack. Anders sei das bei der Diskriminierung von Minderheiten: "Gehen die Grenzen in den Köpfen wieder hoch, verschärfen sich auch die Konflikte." Erreicht werde das Gegenteil dessen, was am wichtigsten sei: Kooperation bei gemeinsamen Zielen.

Hat sich also seit dem Mittelalter nichts verändert? Immerhin ist heute klar, dass es sich bei Covid-19 um die Folge eines Virus handelt und nicht etwa um eine göttliche Strafe. "An den psychologischen Prozessen hat sich nichts geändert", sagt Florack, "nur sind es heute eben auch andere Gruppen." Antisemitismus-Expertin Wetzel ergänzt: "Verschwörungsdenken und Mythen werden immer wieder reaktiviert und in aktuelle Ereignisse eingebaut."

Die Krise meistern - und daraus lernen

Im Mittelalter führten die Pogrome zu Massenvertreibung, jüdische Gemeinden wurden ausgelöscht. Rund 25 Millionen Menschen starben bis 1353 an der Pest, doch die Seuche war auch nach dem Ende der Pandemie nicht ausgelöscht. In den kommenden Jahrhunderten flackerte sie immer wieder auf - bis Ende des 19. Jahrhunderts die dritte Pestwelle begann. In einigen Ländern Asiens, Afrikas und Amerikas tritt die Krankheit heute noch auf. Ähnlich könnte es mit dem Coronavirus sein: Einen Impfstoff dürfte es frühestens in einem Jahr geben. Und selbst dann könnte Covid-19 uns noch lange begleiten. Florack ist dennoch optimistisch: "Wenn wir es schaffen, einen Impfstoff zu entwickeln und die Corona-Maßnahmen sich als sinnvoll erweisen", sagt der Psychologe, "dann kann die Gesellschaft lernen, dass Krisen gemeistert werden können - auch ohne Sündenbock."