Nach zwei Anschlägen mit mehr als 50 Toten in Afghanistan drohen die Spannungen zwischen den radikalislamischen Taliban und der Regierung erneut zu eskalieren. Die afghanische Regierung macht die Taliban für die tödliche Attacke in Kabul verantwortlich. Die Taliban warnten ihrerseits, sie seien im Falle eines Angriffs von Regierungstruppen bereit zurückzuschlagen.

Sollte es zu einer "weiteren Eskalation der Gewalt" kommen, sei allein die Regierung dafür verantwortlich, hieß es in einer Mitteilung der Taliban am Mittwoch. Die Taliban seien das Haupthindernis für Frieden im Land, sagte unterdessen Regierungssprecher Sadiq Sadiqqi am Mittwoch während einer Pressekonferenz.

Die Zahl der Todesopfer der beiden Attacken vom Dienstag stieg unterdessen nach Behördenangaben auf insgesamt 56. In einer Entbindungsklinik in Kabul wurden mindestens 24 Menschen getötet, darunter auch Babys und Krankenschwestern. 16 weitere Menschen wurden verletzt. Es war einer der schwersten Anschläge in diesem Jahr. Zu dem Angriff bekannte sich zunächst niemand.

IS möglicherweise für Anschlag verantwortlich

Experten äußerten Zweifel daran, dass die Taliban verantwortlich seien. "Es entspricht nicht ihrer Politik", sagte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. Es sei nicht auszuschließen, dass der Anschlag von der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) durchgeführt wurde, um das USA-Taliban-Abkommen zu untergraben. Die Taliban und der IS bekämpfen sich in Afghanistan.

Bei einem zweiten Anschlag auf eine Beerdigungszeremonie in der Provinz Nangarhar, zu dem sich der IS bekannt hat, wurden nach jüngsten Behördenangaben vom Mittwoch 32 Trauergäste getötet und 132 weitere verletzt.

Präsident Ashraf Ghani kündigte am Dienstagabend an, dass die Streitkräfte wieder in die Offensive gingen. Gleichzeitig forderte er die Taliban aber erneut zu einer Waffenruhe auf. Wegen geplanter Friedensgespräche blieb die afghanische Armee seit Ende Februar eher in der Defensive.

Neue Gewaltwelle befürchtet

Die militant-islamistischen Taliban bezeichneten Ghanis Ankündigung als "Kriegserklärung". Sie bestreiten eine Beteiligung an den Anschlägen und warnten, sie seien "voll und ganz vorbereitet", um auf Angriffe der afghanischen Streitkräfte zu reagieren.

Ein Regierungssprecher wies die Warnung zurück und erklärte, die Gruppe habe immer zu "Gewalt und Krieg" geneigt und könne ihre Beteiligung auch an den jüngsten Vorfällen nicht leugnen.

Die Reaktion der Regierung könnte nach Einschätzung von Experten zu einer neuen Gewaltwelle führen. Die Ankündigung mache die Frage nach der Verantwortung praktisch überflüssig, sagt Afghanistan-Experte Andrew Watkins der Crisis Group. Dies bedeute aber nicht gleich den "Tod des Friedensprozesses". Der gewaltsame Konflikt in Afghanistan sei "traurige Realität" seit Jahren.

Die USA hatten mit den Taliban am 29. Februar in Doha (Katar) ein Abkommen unterzeichnet. Es sieht einen Abzug der internationalen Truppen sowie einen Gefangenenaustausch vor und soll den Weg für innerafghanische Friedensgespräche bereiten. Die Regierung in Kabul war nicht daran beteiligt worden, weil die Taliban direkte Gespräche mit ihr bisher abgelehnt hatten. Der Konflikt im Land geht weiter. (apa/dpa/afp)