Auf den "Wet Markets" Chinas und Südostasiens findet sich eine Unzahl unterschiedlicher Arten. Fledermäuse werden bei lebendigem Leib gekocht, auf den Tischen liegen die Kadaver von Katzen und Hunden. Vögel, Säugetiere, Reptilien - in winzigen Käfigen werden die Tiere übereinandergestapelt. Sie sind durstig, viele sind verletzt, einigen fehlen ganze Gliedmaßen. Neben den lebendigen Tieren werden auf Wet Markets auch verderbliche Waren wie Fisch und Meeresfrüchte angeboten. Es sind perfekte Bedingungen für Viren - und für eine Übertragung von Tieren auf Menschen.

Der Wet Market Wuhans in der zentralchinesischen Provinz Hubei gilt als Ausgangspunkt des neuartigen Coronavirus: Eine Fledermaus hat das Virus vermutlich auf ein Schuppentier, eine Schleichkatze oder einen anderen Zwischenwirt übertragen, der dann einen Menschen ansteckte. Die Folgen sind dramatisch. Das Virus hat sich über die ganze Welt verbreitet, hunderttausende Menschenleben gekostet und die Wirtschaft in die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Und so werden auch die Stimmen für ein Verbot von Wildtierhandel lauter.

Ruf nach Regulierung

In China hat sich soeben der Nationale Volkskongress damit befasst - ohne offizielles Ergebnis. Die Regierung hatte bereits am 26. Jänner ein temporäres Verbot für den Handel mit Wildtieren verhängt. Gelten soll es, bis die Krise vorbei ist. Ein Verbot auf Zeit wurde schon einmal, während der Sars-Epidemie 2003, erlassen. Es galt nur für sechs Monate. Selbst, wenn es diesmal halten sollte: Ein Verbot könnte den Schwarzmarkt befeuern. Der Handel mit Wildtieren wäre im Geheimen noch unsicherer, warnen Experten. Denn dann ist völlig unklar, woher die Tiere stammen und wo sie konsumiert werden.

Wildtiermarkt in der Demokratischen Republik Kongo. - © CIFOR/Axel Fassio
Wildtiermarkt in der Demokratischen Republik Kongo. - © CIFOR/Axel Fassio

Der WWF-Artenschutzexperte Georg Scattolin plädiert daher für ein Verbot des kommerzialisierten Handels. "Uns geht es um die bessere Regulierung des legalen Handels und die Aufhebung des illegalen Wildtierhandels, nicht um das komplette Verbot", sagt der Biologe. Der unregulierte Handel führe zu Armut und zum Verlust der biologischen Vielfalt: "Es geht nicht um die Beschneidung der Selbstversorgung lokaler Bevölkerungen auf Kosten der Ärmsten. Diese Finanzströme kommen nicht den Leuten in den Dörfern zugute, sondern einer kommerzialisierten Industrie."

Tigerwein für mehr Kraft

Scattolin erinnert sich an eine Szene auf einem Markt im Norden von Laos, dem Hotspot für den Welttierschmuggel: "Da war ein riesiger Glastank mit einem in Alkohol eingelegten skelettierten Tiger. Über einen Zapfhahn haben sich die Touristen den Tigerwein heruntergelassen." Die Kraft des Tigers, so der Glaube, soll so auf den Menschen übergehen. "Diese urbanen Märkte mit teuren Produkten werden nur von jenen besucht, die Geld haben." Auf kleinen Wet Markets fänden sich hingegen nur Einheimische.

China ist weltweit der mit Abstand größte Markt für den Handel mit Wildtieren. Rund 14 Millionen Menschen sind darin involviert, 520 Millionen Yuan (knapp 66 Millionen Euro) werden jedes Jahr umgesetzt. Wildtiere werden nicht nur gefangen und gezüchtet, um gegessen zu werden, sondern kommen auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin zum Einsatz.

Tigerknochen und die Hornschuppen des Schuppentiers gelten als Heilmittel, Nashornpräparate sollen fiebersenkend wirken, Seepferdchen gegen Erektionsstörungen helfen: In China verlangt eine wachsende Mittelschicht nach diesen Luxusprodukten. Der Bedarf ist mittlerweile so hoch, dass er auch aus anderen Ländern gedeckt werden muss.

Gegessen werden Wildtiere hingegen vor allem im Süden des Landes. Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 meinte mehr als die Hälfte der befragten Chinesen, dass Wildtiere generell nicht gegessen werden sollten. Mittlerweile dürften es noch deutlich mehr sein.

Unheimliche Stille

Doch nicht nur in Asien werden Wildtiere gegessen. In Teilen Afrikas sind bis zu 50 Prozent der Bevölkerung auf den Verzehr von "Bushmeat" angewiesen, um ihren Proteinbedarf zu decken. Die Jagd auf Wildtiere ist eine jahrtausendealte Tradition - und an sich unbedenklich, solange nur der eigene Bedarf gedeckt wird. "Die Menschen wissen, wie viel sie dem Wald entnehmen können", sagt auch Scattolin. Das Problem ist die Kommerzialisierung für wachsende asiatische und afrikanische Märkte. Professionelle Jäger arbeiten mit hochpräzisen Waffen und dringen immer weiter in Wälder vor. Rund 4,5 Millionen Tonnen Bushmeat werden laut dem Forschungszentrum Center for International Forestry Research (Cifor) jedes Jahr aus dem Kongobecken geholt, im Amazonas sind es sogar 1299 Millionen Tonnen.

Für Weideland abgeholzter Regenwald im Amazonas. - © getty images/Iuoman
Für Weideland abgeholzter Regenwald im Amazonas. - © getty images/Iuoman

Die Corona-Krise rückt auch dieses Problem in den Vordergrund, sie macht den Zusammenhang zwischen menschlicher Gesundheit und tierischem Leid deutlich. Umweltschützer nutzen die Gelegenheit, um ein weltweites Verbot zu fordern. Nur: Der Hunger nach Fleisch müsste dann auf andere Weise gestillt werden. "Um den Bedarf an Bushmeat durch Rindfleisch zu ersetzen, müssten wir riesige Flächen von Tropenwäldern oder Savannen in Weideland verwandeln", schrieb Cifor-Chef Robert Nasi bereits 2011 in einer Studie. Sollte der Verzehr von Bushmeat im Kongobecken durch Rindfleisch ersetzt werden, müssten jährlich 25 Millionen Hektar Wald gerodet werden, schätzt Nasi. Das entspricht in etwa der Fläche des Vereinigten Königreichs.

Die industrielle Fleischproduktion ist nicht nur für die Umwelt eine Katastrophe - für die Rinderzucht werden riesige Flächen von Primärwäldern gerodet. Fleischfabriken sind zudem die ideale Brutstätte für Viren. Das Coronavirus, Ebola, Mers und HIV wurden von Wildtieren übertragen. Doch andere Zoonosen, also von Tieren auf den Menschen übertragene Krankheiten, hatten ihren Ursprung in Fleischfabriken. Kreuzfeld-Jakob (Rinderwahn), Sars sowie die Vogelgrippe und die Schweinepest entstanden durch engen Kontakt mit oder den Verzehr von Nutztieren.

Virenherd Fabrik

Wo viele Tiere auf engstem Raum zusammenleben, verbreiten sich Viren besonders rasch. Sichtbar wurde das zuletzt in den Niederlanden: Hier sollen sich Mitarbeiter einer Nerzfarm bei den Pelztieren mit dem Coronavirus angesteckt haben. Wahrscheinlich hatten sich die Tiere zuvor bei Mitarbeitern infiziert - eine Übertragung von Mensch zu Tier und wieder retour.

Die Bilder von leidenden Tieren auf chinesischen Märkten sind verstörend - doch geht es in den Fleischfabriken des Westens besser zu? "Industrielle Viehzucht basiert auf genetischer Vereinheitlichung", sagt WWF-Experte Scattolin. Gehe die Vielfalt verloren, erhöhe sich das Risiko, denn Viren verbreiten sich unter genetisch ähnlichen Tieren schneller: "Wenn es einer hat, haben es alle."

Die Reduktion des Fleischkonsums sei eine Lösung, sagt Scattolin, doch Gesamtverbote seien nicht zielführend. Der Biologe plädiert für Diversifizierung und die Rückkehr zu alten Haustierrassen bei tierfreundlicher Haltung. Schließlich würde davon auch der Mensch profitieren: "Wird das Wohl der Tiere berücksichtigt, hat man automatisch hygienischere Bedingungen." Sicher ist: Beuten wir Tiere und Umwelt weiter aus wie bisher, dann ist eine neue Pandemie nur eine Frage der Zeit.