Freundlich und zuvorkommend. So ist das Selbstbild der Einwohner in Minnesota mit der Hauptstadt Minneapolis. "Minnesota Nice" ist ein geflügeltes Wortpaar, das oft zitiert wird: Man ist stolz darauf, freundlich, höflich und tolerant zu sein.

Es existiert allerdings noch ein anderes Wortpaar: das "Minnesota-Paradox". Das wird etwa schlagend, wenn es um die ungleiche wirtschaftliche Behandlung zwischen den mehrheitlich Weißen und den Schwarzen geht, die nur elf Prozent der Bevölkerung ausmachen.

"In Minnesota existiert ein subtilerer Rassismus", hatte Doug Hartmann vom Soziologie-Department der Universität in Minnesota der Zeitung "Star Tribune" vergangenes Jahr erklärt. Weil man sich in Minnesota als so "liberal" einstufe, werde die Hautfarbe als nicht relevant eingestuft. Damit verschließt man aber die Augen vor den strukturellen Problemen, die sehr wohl mit der Hautfarbe zu tun haben. Während nur sieben Prozent der Weißen in Minnesota unter der Armutsgrenze leben, sind es 32 Prozent der Schwarzen. Damit gehört der Wohlstandsunterschied zu den größten der ganzen USA.

Das Stadtviertel war durch die Feuer hell erleuchtet. - © reuters/Nicholas Pfosi
Das Stadtviertel war durch die Feuer hell erleuchtet. - © reuters/Nicholas Pfosi

Universitätsprofessor Samuel L. Myers Jr., der das Buch zum "Minnesota-Paradox" geschrieben hat, war etwa Mitautor einer Studie, die die Kreditvergabe der 50 größten Banken von Minneapolis und St. Paul untersucht hat. Das Ergebnis: Die Kreditansuchen von ethnischen Minderheiten wurden zu einem überproportionalen Anteil abgelehnt. Der große Unterschied zwischen der Kreditvergabe zwischen den Ethnien lässt sich nicht nur mit dem sozio-ökonomischen Hintergrund der jeweiligen Bewerber erklären. "Wie ist es möglich, dass schlecht ausgebildete Weiße einen höheren Anteil an Immobilieneigentum aufweisen, als Schwarze aus der Mittelschicht, die eine gute Ausbildung aufweisen können?", fragt Myers rhetorisch. In Minnesota ist der Unterschied bei den Immobilien der drittgrößte im ganzen Land. 76 Prozent der "weißen" Haushalte wohnen in ihrem Eigentum, allerdings wohnen nur 24 Prozent der Schwarzen in einem Eigenheim.

Demonstranten forderten Gerechtigkeit für George Floyd. - © getty images/Stephen Maturen
Demonstranten forderten Gerechtigkeit für George Floyd. - © getty images/Stephen Maturen

Das hat auch damit zu tun, dass bis in die 1950er Jahre es am Immobilienmarkt in Minneapolis eine beliebte Methode war, in den Kaufvertrag hineinzuschreiben, dass die Häuser nicht an Schwarze verkauft werden dürfen. Denn eine ethnisch diverse Nachbarschaft verringere den Wert der Immobilie, so das Kalkül.

Polizisten auf freiem Fuß

Als am vergangenen Montag nun George Floyd, der vor ein paar Jahren von Houston nach Minneapolis gezogen war, Zigaretten kaufen wollte, rief der Ladeninhaber - nachdem Floyd bereits das Geschäft verlassen hatte - die Polizei. Der Shop-Betreiber meinte, dass Floyd mit gefälschten 20-Dollar-Scheinen bezahlt hätte. Außerdem machte Floyd einen betrunkenen Eindruck. Von Gewalt war keine Rede.

Der Rest ist bekannt: Vier Polizisten rückten an, drückten Floyd in Handschellen auf den Boden, knieten auf seinem Hals, ignorierten sein Flehen, dass er keine Luft mehr bekomme - und riefen erst einen Krankenwagen, als sie die Passanten lautstark darauf aufmerksam machten. Der 46-Jährige war schon längst bewusstlos und starb schließlich im Krankenhaus. Seine Todesursache gilt offiziell noch als ungeklärt.

Einzig die Tatsache, dass die Polizeiaktion zufällig mit dem Handy gefilmt wurde, könnte zu Konsequenzen führen. Oder auch nicht.

Ein Beamter wurde festgenommen

Die Polizisten sind mittlerweile gefeuert, aber auf freiem Fuß. Ein Beamter ist laut Meldung Freitagabend festgenommen worden. Derek Chauvin sei in Gewahrsam genommen worden, teilten die Sicherheitsbehörden im Bundesstaat mit. Die Untersuchungen laufen. Und das geht einer zunehmend wütenden Bevölkerung nicht schnell genug.

Seit dem Bekanntwerden des Videos reißen die Proteste in Minneapolis nicht ab. Es gibt die langsamen Demonstrationszüge untertags, bei denen die soziale Distanz gewahrt wird - Corona hat auch vor Minneapolis nicht halt gemacht -, und es gibt die wütenden Protestaktionen in der Nacht, wenn Autos, Supermärkte und inzwischen auch die verantwortliche Polizeistation angezündet werden.

Bilder zeigen geplünderte und brennende Geschäfte, außerdem war zu sehen, wie die Polizei mit Tränengas, Pfefferspray und Schlagstöcken gegen Demonstranten vorging. Mehr als 170 Geschäfte seien zerstört oder geplündert worden, twitterte die Polizei von Saint Paul, eine Nachbarstadt von Minneapolis.

Ein sanfter Riese

"Wenn das Plündern anfängt, wird das Schießen beginnen", twitterte Präsident Donald Trump mit einer unverhohlenen Drohung der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste und kritisiert den schwachen Führungsstil des (demokratischen) Bürgermeisters von Minneapolis, Jacob Frey, eines "radikalen Linken", wie Trump ihn nennt.

Frey selbst versucht, die Lage zu deeskalieren. Er hatte schon klugerweise das Polizeigebäude evakuieren lassen und wies bei einer Pressekonferenz darauf hin, dass "auch die Symbolik eines Gebäudes die Bedeutung eines Menschenlebens nie aufwiegen kann". Frey verurteilt allerdings die Eskalation bei den Protesten.

Wer diese Eskalation ebenfalls verurteilt, ist die Freundin von George Floyd. Bei einer Trauerkundgebung sprach sie von ihrem verstorbenen Partner als "sanftem Riesen", dem das Herz geblutet hätte, wenn er seine geliebte Stadt in Flammen aufgehen gesehen hätte.