Minneapolis ist längst nicht mehr der einzige Brandherd: Überall in den USA verleihen Demonstranten ihrem Entsetzen über den Tod von George Floyd mit Protesten Ausdruck, die immer mehr als Selbstläufer in Gewalt umkippen. Beverly Hills, Los Angeles, Denver, Miami, Atlanta, Chicago, Louisville, St. Paul, Rochester, Cincinnati, Cleveland, Columbus, Dayton, Toledo, Oregon, Eugene, Portland, Philadelphia, Pittsburgh, Charleston, Columbia, Nashville, Salt Lake City. Seattle, Milwaukee.

In 25 Städten in 16 Bundesstaaten - vom Norden bis zum Süden - wurden in der Nacht auf Sonntag Ausgangssperren verhängt, um die Proteste einzuschränken.

Toter in Indianapolis

Das war vielen Wütenden egal: Am ersten Wochenende nach dem Tod von George Floyd scheint es überall in den USA zu brennen. Mindestens drei Menschen wurden in der Nacht auf Sonntag in Indianapolis, Indiana, bei den Protesten angeschossen, darunter ein Polizist. Eine Person wurde tödlich getroffen. Die genaueren Umstände sind Gegenstand einer Untersuchung. In Minneapolis ist in der Nähe eines brennenden Wagens ein Toter entdeckt worden. Die Leiche weise deutliche Anzeichen von Verletzungen auf, sagte Polizeisprecher John Elder. Ob der Todesfall mit den Protesten zusammenhängt, war zunächst unklar.

In New York verwendete die Polizei auch Pfefferspray gegen friedliche Demonstranten. Im Bild werden die Augen einer Protest-Teilnehmerin ausgewaschen, nachdem sie besprüht worden war.  - © APAweb / reuters
In New York verwendete die Polizei auch Pfefferspray gegen friedliche Demonstranten. Im Bild werden die Augen einer Protest-Teilnehmerin ausgewaschen, nachdem sie besprüht worden war.  - © APAweb / reuters

In New York kam es zu wiederholten Ausschreitungen. "Die Polizei wurde unglaublicher Gewalt ausgesetzt und das kann so nicht bleiben", erklärte der New Yorker Bürgermeister Bill Blasio. Während einige Menschen durchaus friedfertig demonstrieren, würden andere Gewaltakte provozieren. Das New Yorker Polizeidepartment habe "schreckliche, abscheuliche Dinge" erlebt. Manche Demonstranten "haben versucht, den Polizisten Schaden zuzufügen, und das haben sie geschafft. Sie haben versucht, Polizeiautos anzugreifen, und das haben sie geschafft." Und: "Das werden wir nicht akzeptieren."

Politiker mit Pfefferspray von Polizisten besprüht

Allerdings erklärte der Bürgermeister auch, dass es seitens der Polizei zu Gewaltakten gekommen ist, und dass sogar Politiker, die die Proteste aufgesucht haben, mit Pfefferspray angegriffen worden sind. "Das ist ebenso inakzeptabel, und wir müssen untersuchen, weshalb das passiert ist", erklärte de Blasio. "Das ist in jeder Hinsicht falsch, aber es wirft uns auch zurück", so de Blasio, der die Ereignisse des Wochenendes eine "schwierige, komplexe Situation" nennt.

Eine Bank-Filiale wird im New Yorker Stadtviertel Soho demoliert.  - © APAweb / reuters
Eine Bank-Filiale wird im New Yorker Stadtviertel Soho demoliert.  - © APAweb / reuters

 

New Yorker Bürgermeister: "Wir können so nicht weitermachen"

Auch de Blasio spricht von systemischen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft und davon, dass einige Probleme durch das Coronavirus noch verschärft worden sind. "Wir können so nicht weitermachen", sagt de Blasio. New York war ein Hotspot für das Coronavirus. "Das Virus hat einen so tiefen Schmerz in unsere Stadt gerissen", und New York habe das noch nicht verarbeitet. Und man darf nicht vergessen, dass vor allem Communities von Minderheiten von dem Virus in New York am stärksten betroffen worden waren.

Minderheiten arbeiten oft in Jobs, wo ihnen ein Homeoffice nicht möglich war, und Menschen mit einem schwachen ökonomischen Background gehen seltener zum Arzt.

Ein verletzter Demonstrant im New Yorker Bezirk Brooklyn erhält medizinische Versorgung. - © APAweb / reuters
Ein verletzter Demonstrant im New Yorker Bezirk Brooklyn erhält medizinische Versorgung. - © APAweb / reuters

"Diese rohe, schmerzvolle und wütend machende Frustration: Die kommt hoch in solchen Momenten. Es ist ein alltägliches, ja sogar allstündliches Problem für schwarze New Yorker, für hispanische New Yorker, für so viele Menschen, die mit dem Schmerz des Rassismus zurecht kommen müssen", sagt de Blasio.

Die Polizei der kalifornischen Metropole Los Angeles teilte mit, im Stadtzentrum kommt es zu "großen und gewalttätigen Protesten". Garcetti sagte: "Wir können unsere Pflicht nicht erfüllen, Menschenleben zu schützen, wenn Menschen plündern."

Recht und Ordnung müssten wieder hergestellt werden, sagte der Bürgermeister von Minneapolis, Walz. Die Nationalgarde teilte mit, rund 2.500 der insgesamt bis zu 10.000 aktivierten Soldaten würden in der Nacht zum Sonntag eingesetzt, um in Minneapolis und Umgebung für Ordnung zu sorgen. Die anderen Soldaten stünden für die kommenden Tage bereit.

Polizisten zielten in Minneapolis auf Presse-Vertreter

Bei den Protesten in Minneapolis sind am Samstagabend zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters durch Gummigeschoße der Polizei verletzt worden. Der Vorfall ereignet sich, als die Polizei kurz nach Inkrafttreten der Ausgangssperre um 20.00 Uhr gegen rund 500 Demonstranten mit Gummigeschoßen und Tränengas vorrückte.

Aufnahmen des Reuters-Kameramannes Julio-Cesar Chavez zeigen, wie ein Polizist direkt auf ihn zielt. "Ein Polizist, den ich gerade filme, dreht sich um, zielt mit seinem Gummigeschoß-Gewehr direkt auf mich", berichtete Chavez. Minuten später wurden Chavez und der Reuters-Sicherheitsberater Rodney Seward von Gummigeschoßen getroffen, als sie bei einer Tankstelle in Deckung gehen wollen. Die Reuters-Mitarbeiter waren klar als Pressevertreter zu erkennen. Chavez trug eine Kamera und seinen Presseausweis um den Hals. Seward hatte eine schusssichere Weste an mit der Aufschrift Presse.

Trump will Antifa als Terrororganisation einstufen

Auch US-Präsident Donald Trump hat mit einem Militäreinsatz gegen die gewaltsamen Proteste nach dem Tod des unbewaffneten Floyd durch einen weißen Polizisten gedroht. Er machte linksradikale Gruppen und "Anarchisten" für die Ausschreitungen verantwortlich. "Linksradikalen Kriminellen, Verbrechern und anderen in unserem Land und auf der Welt wird nicht erlaubt werden, unsere Gemeinden in Brand zu stecken", meinte Trump. Am Sonntag kündigte er via Twitter an, die US-Regierung wolle die die Antifa-Bewegung in Amerika als Terrororganisation einstufen. Wie das mangels Organisationsstrukturen des losen Bündnisses funktionieren soll, blieb offen.

US-Justizminister Bill Barr sagte unterdessen in einer Fernsehansprache, "gewalttätige radikale Elemente" hätten die zunächst friedlichen Proteste nach Floyds Tod ausgenutzt. Es scheine so, dass die Gewalt vielerorts "von anarchistischen und linksextremistischen Gruppen geplant, organisiert und angetrieben" werde.

Ein Demonstrant wird in Brooklyn, New York, festgenommen. - © APAweb / reuters
Ein Demonstrant wird in Brooklyn, New York, festgenommen. - © APAweb / reuters

Die Proteste gegen Polizeigewalt gegen Afroamerikaner greifen auch auf den US-Präsidentschaftswahlkampf über. Mitglieder des Wahlkampfteams des Demokraten Joe Biden, der den Republikaner Trump ablösen will, warben mit Geldspenden an eine Gruppe, die Kautionsgebühren für Festgenommene in Minneapolis übernimmt. Biden selbst hatte erklärt, die Protestierer hätten ein Recht auf Wut, aber dass mehr Gewalt das Problem nicht löse. Trump hatte die Protestierer als Schläger bezeichnet.

Proteste auch in Europa

Auch in Europa gingen zwischenzeitlich Menschen aus Protest gegen Rassismus am Wochenende auf die Straße, etwa Berlin. Sie forderten "Gerechtigkeit für George Floyd" und hielten Schilder mit der Aufschrift "Black lives matter" ("Schwarze Leben zählen") in die Höhe. Am Trafalgar Square in London versammelten sich laut BBC Hunderte Demonstranten, die später in einem immer größer werdenden Protestmarsch zur US-Botschaft und weiter zum Grenfell-Tower zogen. Außer in London kam es in Großbritannien auch in Manchester und Cardiff zu Demos gegen Polizeigewalt.