Ein Wochenendspaziergang am Beverly Boulevard, im Frühsommer 2020. Der Abschnitt zwischen dem Santa Monica Boulevard und der La Brea Avenue kommt dem Klischee, das man sich im Rest der Welt von der West Side von Los Angeles macht, ziemlich nah. Die Menschen, die hier normalerweise herum spazieren sind meistens schön, oft jung und immer reich. Normal ist freilich auch hier schon seit Monaten nichts mehr. Die hochpreisigen Restaurants sind nach wie vor geschlossen und bieten höchstens Mahlzeiten zum Mitnehmen an. Die exklusiven Boutiquen zögern selbst dann noch mit dem Aufsperren wenn sie schon dürften. Das Coronavirus fordert selbst in den Enklaven der US-amerikanischen Geld-Aristokratie seinen Tribut, auch wenn man hier von seinen unmittelbaren Folgen – den mittlerweile über 100.000 Toten und den 40 Millionen Arbeitslosen – noch relativ verschont geblieben ist. Aber jetzt das, hier.

Der von der Smartphone-Kamera mehrerer Augenzeugen festgehaltene Tod des Afroamerikaners George Floyd, herbeigeführt durch die unfassbare Brutalität des weißen Polizisten Derek Chauvin und seiner Kollegen in Minneapolis – letzterer ist mittlerweile wegen Mordes verhaftet worden, bisher die einzige Anklage in dem Fall – hat sich als der Tropfen erwiesen, der das Fass in Donald Trump's Amerika zum Überlaufen gebracht hat; und an diesem Samstag hat sich die Kampfzone endgültig aufs ganze Land ausgeweitet. Weshalb jetzt auch hier, eine Handvoll Blocks vom Einkaufszentrum Beverly Center, Schluss ist mit flanieren.

Je heller die Hautfarbe, umso niedriger die Wahrscheinlichkeit einer tödlichen Amtshandlung

Der Polizist, der einem den Weg versperrt, schaut dich auf die Frage: "Warum?" nur entgeistert an. Nachdem er sich wieder gefangen hat, befiehlt er, dass man sich doch bitte "verpissen" möge, die Straße sei gesperrt und damit basta. Um seiner Botschaft unmissverständlich Nachdruck zu verleihen, legt er seine Hand an die Glock und schaut ganz, ganz böse. Jeder, der in Amerika lebt und mit dieser Art von billiger Machtdemonstration vertraut ist, weiß, was das bedeutet: Entweder, du befolgst die Anweisung des Herrn Officer, oder er legt dir Handschellen an. Die Wahrscheinlichkeit, dass er auf dich schießt, ist indes äußerst gering: Je heller die Hautfarbe, umso niedriger die Wahrscheinlichkeit einer potentiell fatalen Amtshandlung. So ist das in den USA und so war es schon immer. Ein paar Schritte zurück lässt sich immerhin erahnen, warum die Anspannung des Polizisten heute noch größer ist als sonst an diesem leicht bewölkten Frühsommernachmittag im Herzen der West Side. Ein Stück weiter die Straße hinunter, wo sich die Kreuzung Beverly Boulevard und Fairfax erahnen lässt, steigt schwarzer Rauch auf. Am Himmel kreisen unaufhörlich Polizeihubschrauber, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Ein kurzer Blick auf die Lokalnachrichten am Smartphone bestätigt den Verdacht: Sie haben ihre Drohung von letzter Nacht also wahrgemacht.

Es war irgendwann zwischen zwei und drei Uhr morgens, als in den sozialen Medien plötzlich die Hashtags #Rodeo Drive und #Beverly Hills die Runde zu machen begannen. Nach einer langen Freitagnacht, in der Downtown Los Angeles seine schwersten Unruhen seit den Rodney-King-Riots von 1992 erlebte, lautete die Marschrichtung der Demonstranten für Samstag: Raus aus dem zu großen Teilen verarmten Zentrum, rein in die Ghettos der Reichen. Dank der Mitarbeiter des LAPD, die die Gegend tagsüber schneller abriegelten als Donald Trump "Ich bin wirklich kein Rassist" sagen kann, die ersten paar tausend Protestierenden einkesselten und den Rest hinderten, ihnen beizustehen, blieb es vorerst beim Versuch. Am Ende standen an dieser Ecke der Stadt ein ausgebrannter Einsatzwagen, ein von den Protestierenden gekaperter Autobus, ein paar hundert Verhaftungen wegen Landfriedensbruch und Myriaden an Schimpfwörtern, die die Polizistinnen und Polizisten über sich ergehen lassen mussten. Ein verhältnismäßig glimpflicher Ausgang; aber ein trügerischer, denn die Sonne war noch nicht untergegangen in LA.

Am Nachhauseweg gibt das Smartphone jenen enervierenden Alarmton von sich, der für öffentliche Verlautbarungen reserviert ist. "Die Stadt Los Angeles erklärt eine Ausgangssperre, die ab 20 Uhr in Kraft tritt und bis Sonntag um fünf Uhr dreißig morgens dauern wird. Nur in die Arbeit fahren oder von ihr kommen, Notfall- und Rettungstransporte sind erlaubt. Weitergehende Informationen finden Sie auf der offiziellen Stadtwebseite". Einen Einsatz der Nationalgarde, das letzte Mittel zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, wenn gar nichts mehr geht, schließt der Bürgermeister zu diesem Zeitpunkt aus. Es ist fünf Minuten nach sieben Uhr abends.

Eine Stunde später hat sich die Nacht über Los Angeles gelegt und als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte, sind jetzt plötzlich seltsame Geräusche aus der Richtung von Downtown zu hören. Auf einen Knall folgt der nächste, gefolgt von einem dumpfen Dröhnen, untermalt vom permanenten Lärm der Rotorblätter der Polizeihubschrauber, die unablässig am Himmel kreisen. Eine Abfolge, die die nächsten paar Stunden mit mal kürzeren, mal längeren Unterbrechungen anhält. Ein paar Textnachrichten und ein Gespräch mit einem befreundeten College-Professor, der mit seinem Ehemann in einem Loft am zentral gelegenen Pershing Square lebt, bringt Klarheit: "Naja, der permanente Sound der Sirenen und Explosionen und Schüsse hat auch sein Gutes: Unser Hund hat sich daran gewöhnt und fürchtet sich jetzt vor gar nicht mehr!" Sein Lebensgefährte, der ebenfalls Lehrer ist und aus Afghanistan stammt, könne indes nur mehr lachen: "Massoud hätte sich nie gedacht, dass er sich in Kabul mal sicherer fühlen werde als in LA." Wie ein Blick auf das, was sich zu diesem Zeitpunkt in den sozialen wie den traditionellen Medien abspielt, ist er damit bei weitem nicht allein. In den gesamten USA scheint es an diesem Samstagabend keine einzige Großstadt mehr zu geben, in der es nicht lichterloh brennt.

New York, Chicago, Houston, Seattle, Portland, Atlanta, Phoenix, San Diego, Miami, um nur ein paar der bekanntesten zu nennen – aber auch in einer Unzahl mittelgroßer und kleinerer Städte gehen an diesem Tag Millionen Menschen zum friedlichen Protestieren auf die Straße, unterwandert von einer kleinen, aber sichtbaren Minderheit die mehr zum Zündeln, Rauben oder Plündern aufgelegt ist. Was Mitte der Woche als Protest gegen die Folgen des system-immanenten Rassismus des US-amerikanischen Justizsystems begann, hat sich binnen Tagen zum Fanal nicht nur der afroamerikanischen Minderheit sondern eines ganzes Landes ausgewachsen; eines Landes, das nach Veränderung und Gerechtigkeit schreit und dass sich dank der allumfassenden Ahnungs- wie Teilnahmslosigkeit seiner höchsten Repräsentanten, allen voran des Präsidenten, der mit seiner über Twitter verbreiteten Kampf-Rhetorik nur noch mehr Öl ins Feuer gießt, nicht mehr anders zu helfen weiß als mit jener Art von Protest, die am Ende stets verlässlich in Gewalt von ihrer wie von seiten der Staatsgewalt mündet.

Keine drei Stunden nachdem die Stadt die Ausgangssperre verhängt hat, verkündet der Bürgermeister von Los Angeles, dass er angesichts der Realität am Boden – Massenplünderungen, Brandstiftungen, Gewalt gegen die und durch die Polizei – keine andere Wahl mehr habe, als den Gouverneur zu bitten, die Nationalgarde zu schicken. Seit Mitternacht patroullieren Soldaten, Panzerfäusten und Granaten am Gurt mit Maschinengewehren die Straßen von Los Angeles.