Der alljährliche Gipfel von sieben großen Industrienationen (G7) hängt nach einer neuen Kehrtwendung von Donald Trump sehr in der Schwebe. Der US-Präsident schlug am Wochenende vor, das Treffen zu verschieben - am besten auf September - und dann auch andere Staaten wie Russland einzuladen. International stieß die Idee auf verhaltene Reaktionen, auch in Moskau.

Die deutsche Bundesregierung will weitere Erklärungen abwarten. Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich gemacht, dass sie wegen der Corona-Krise aktuell nicht bereit sei, zu einem Gipfel nach Washington zu reisen. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau wandte sich deutlich gegen Trumps Pläne, Russland einzuladen.

Termin im September wäre kurz vor US-Wahl

Trump begründete seinen Vorschlag an Bord seines Präsidentenflugzeugs vor Journalisten damit, dass sich das Format der G7 überholt habe. Er habe nicht das Gefühl, dass die "sehr veraltete Gruppe" der Sieben - USA, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Japan, Italien und Deutschland - das Geschehen auf der Welt richtig abbilde. Als mögliche weitere Teilnehmer neben Russland nannte er Südkorea, Australien und Indien - nicht aber China.

Die Geschichte der G7 reicht bis ins Jahr 1975 zurück. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die Runde der westlichen Staats- und Regierungschefs um Russland erweitert. Wegen der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim ist Moskau seit 2014 in dem Kreis jedoch nicht mehr dabei. Außerdem fände der Gipfel bei einer Verschiebung auf September nur wenige Wochen vor der US-Präsidentenwahl statt, bei der Trump für eine zweite Amtszeit kandidiert.

Die G7-Staaten wechseln sich jedes Jahr als Gastgeber ab. Heuer sind die USA an der Reihe. Trump wollte anfangs auf einem seiner Grundstücke in Florida tagen. Dann war das Treffen für den 10. bis 12. Juni auf dem Landsitz des Präsidenten in Camp David geplant. Im März wurde es wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Es sollte nur noch eine Videokonferenz geben. Dann sprach sich Trump aber doch wieder für einen richtigen Gipfel aus - als Signal dafür, dass sich die Welt von der Coronakrise erholt.

Verhaltene Reaktionen

Bei den anderen Staats- und Regierungschefs stieß dies vergangene Woche jedoch auf wenig Zustimmung. Merkel dankte Trump am Samstag für die Einladung, ließ zugleich aber erklären: "Stand heute kann sie in Anbetracht der Pandemie-Gesamtlage ihre persönliche Teilnahme, also eine Reise nach Washington, nicht zusagen." Aktuell gelten Corona-bedingt noch strenge Reisebeschränkungen zwischen den USA und Europa.

Öffentliche Unterstützung bekam der US-Präsident nur vom britischen Premierminister Boris Johnson, der als einziger der G7-Chefs bereits eine Corona-Infektion überstanden hat. Der französische Präsident Emmanuel Macron ließ am Samstagabend erklären, dass er zu einer persönlichen Gipfelteilnahme bereit sei. Dafür sei aber "die Anwesenheit aller erforderlich". Frankreich warte darauf, "dass die G7-Präsidentschaft der USA ihre Absichten präzisiert", hieß es in der Erklärung des Elysée-Palasts nach einem Telefonat Macrons mit Trump.

Umgang mit China diskutieren

Daraufhin kam Trump mit einem neuen Vorschlag: ein Treffen im September oder auch erst nach der Wahl, in geänderter Besetzung. Eine Sprecherin des Weißen Hauses kündigte ergänzend an, dann solle auch über den Umgang mit China diskutiert werden. Trump wirft China vor, die Ausbreitung des Coronavirus nicht verhindert zu haben. Die USA sind von der Pandemie besonders schwer getroffen. Inzwischen verzeichnet das Land mehr als 100.000 Tote. Über 40 Millionen Amerikaner haben sich arbeitslos gemeldet.

Trump hatte sich schon bei den beiden jüngsten G7-Gipfeln dafür eingesetzt, die Gruppe wieder um Russland zu erweitern - ohne Erfolg. Auch Russland selbst sieht nach der jüngsten Initiative noch reichlich Klärungsbedarf. "Im Moment kennen wir keine Details dieses Vorschlags", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge am Montag. "Es gibt hier viele Fragen." Offen sei unter anderem, in welcher Eigenschaft Russland eingeladen werden solle, welche Tagesordnung es gebe und wer überhaupt eingeladen sei.

Am Montagabend telefonierten dann Trump und Putin. Der US-Präsident habe angerufen, teilte der Kreml danach mit. Trump habe seine Idee erläutert und beide Seiten hätten betont, wie wichtig ein Dialog zwischen Moskau und Washington sei. Offen blieb, wie Putin zu Trumps Initiative steht. Zustimmung kam dagegen vom südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in. Er sei bereit, die Einladung anzunehmen, erklärte das Präsidialamt nach einem Telefonat der Präsidenten.

Russland wurde wegen Krim-Annexion ausgeschlossen

Kanadas Premierminister Trudeau erinnerte daran, dass es wegen Russlands Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 das G8-Format mit Russland nicht mehr gebe. Seitdem habe es Russland weiter an "Respekt" und Achtung internationaler Regeln mangeln lassen - "und deshalb bleibt Russland außerhalb der G7 und das wird sich nicht ändern", sagte Trudeau bei einer Pressekonferenz in Ottawa. Sein Land werde mit den USA weiter "an den Details ihres G7-Gipfels arbeiten".

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag, Norbert Röttgen (CDU), verurteilte die Pläne als "in Form und Inhalt inakzeptabel". "Weder die Zusammensetzung noch die Terminplanung des Treffens der führenden westlichen Industriestaaten unterliegen den persönlichen Neigungen oder Wahlkampfüberlegungen von Herrn Trump", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Die US-Zeitung "Politico" berichtete unter Berufung auf nicht näher genannte Kreise, europäische Regierungschefs seien besorgt, dass Trump den Gipfel vor allem als Fototermin im Wahlkampf nutzen wolle - und als Botschaft, dass die Coronakrise dank ihm überstanden sei. Es habe bisher auch kaum inhaltliche Vorbereitungen für ein Treffen gegeben. Ein Regierungssprecher in Berlin bestätigte lediglich, dass es vergangene Woche ein Telefonat zwischen Trump und Merkel gegeben habe, ohne Details zu nennen. (apa/dpa/afp)