Die Blicke sind unsicher, der Ort ist den meisten von ihnen offenbar allzu fremd. Sie halten sich an ihren M-16-Sturmgewehren fest und versuchen sich von ihrer Anspannung nichts anmerken zu lassen, aber es hilft nichts. Die Bizarrheit, in der sich die Soldaten der kalifornischen Nationalgarde wiederfinden, die an diesem heißen Montagnachmittag unter dem Geleitschutz von zwei Humvees und zwei Einsatzwagen des Los Angeles Police Department (LAPD) im offenen Truck die Veteran Avenue Richtung Sunset Boulevard hinaufrollen, ist ihnen buchstäblich vom Gesicht abzulesen. Als der Konvoi an einer Kreuzung haltmachen muss, weil einer der zahlreichen hier lebenden Ferrari-Fahrer, Ausnahmezustand hin, Militär auf den Straßen her, nicht auf sein Vorrangrecht verzichten mag, gibt es keinen der Uniformierten, der ihm nicht sehnsüchtig hinterherschaut. Willkommen in Westwood, möchte man ihnen zurufen, um sich nur eine Sekunde später zu vergegenwärtigen, wie sehr man sich im Lauf der Jahre schon selbst an den unerhörten Reichtum gewöhnt hat, der einen hier umgibt.

Der Boden in diesem Stück Amerika gehört zu den teuersten des Landes. In Westwood haben es sich seit Jahrzehnten die obere Mittelschicht von Los Angeles und eine stattliche Anzahl extrem Wohlhabender eingerichtet, denen Beverly Hills zu einsam, Brentwood zu neureich und Bel Air zu schnöselig ist. Die Nachbarschaft ist dominiert von klischeehaft schmucken Einfamilienhäusern mit ultra-gepflegten Vorgärten, um die sich mal mehr, mal weniger schwarzarbeitende Einwanderer aus Mexiko und Mittelamerika kümmern. Kurzum: Wer hier lebt, hat Geld - oder er ist Student.

Westwood beherbergt den Diamanten in der Krone des lokalen Bildungssystems, die University of California Los Angeles (UCLA), jene Eliteuniversität, die jedes Jahr aufs neue den Weltrekord an Bewerbungen aus aller Herren Länder hält. Der Campus liegt zwar wegen der Coronavirus-Gefahr weitgehend verwaist da, aber das hat ein paar der verbliebenen Studenten nicht abgehalten, angesichts der Ereignisse der vergangenen Woche ebenfalls zum Protest gegen die Art von Polizeiwillkür aufzurufen, die zuletzt George Floyd in Minneapolis das Leben kostete. So weit, so legitim; aber dann ist da diese neue US-amerikanische Wirklichkeit, die einem dieser Tage verlässlich das Leben schwer macht.

Drohender Militäreinsatz

Zwei Stunden vor dem Beginn der Demonstration füllt sich die Mailbox plötzlich mit panischen Appellen von UCLA-Professoren, nur ja zuhause zu bleiben: Die Kundgebung an der Kreuzung Wilshire Boulevard und Veteran Avenue sei offiziell abgesagt, das LAPD habe ebenso seine Präsenz angekündigt wie die Nationalgarde, und zu allem Unglück planten angeblich auch noch Anhänger der neofaschistischen Alt-Right-Bewegung, sich unter die Demonstranten zu mischen. Schlimm hört sich das alles an, aber in den Ohren mancher jungen Studenten klingt es, wie sich kurz darauf herausstellt, eben auch unwiderstehlich.

Der National-Guard-Konvoi, der einen am Weg zum Treffpunkt passiert hat, erweist sich vorerst nicht als Vorbote drohenden Unheils. An jeder Ecke der Kreuzung, auf der zwei Hauptverkehrsadern der West Side aufeinanderstoßen, stehen gut hundert junge Leute und ein paar im mittleren Alter in Masken herum, brüllen sich wahlweise die Seele aus dem Leib ("Black Lives Matter!" "We can’t breathe!" "No Justice, No Peace") oder halten Schilder mit artverwandten Botschaften oder machen beides zugleich. Eine durchwegs friedfertige Angelegenheit, die von der Mehrheit der Verkehrsteilnehmer mit Hupen, aus dem Fenster gereckter Faust oder sonstigen wohlwollenden Gesten goutiert wird.

So geht das bis um halb vier, als auf den allgegenwärtigen Smartphones das enervierende Geräusch einsetzt, das von der nahenden Ausgangssperre kündigt. Eine halbe Stunde später hat sich das, was sich in der Zwischenzeit in der 3700 Kilometer entfernten Hauptstadt ereignet hat, auch hier bis zum letzten Demonstrationsteilnehmer durchgesprochen.

Präsident Donald Trump beabsichtigt, auf Basis des Insurrection Act von 1807 das reguläre Militär in den Städten einzusetzen, sollten die Bundesstaatsgouverneure die Proteste bis dahin nicht in den Griff bekommen. Inwiefern das oder die ständig in Echtzeit eintrudelnden Videos und Berichte aus dem Rest des Landes - ein Todesopfer in Louisville, Kentucky, schwere Tränengasattacken auf Zivilisten in Philadelphia und D.C., surreale Fotos vom zur Militärbasis umgewandelten Convention Center in Downtown - damit zu tun haben, was als Nächstes passiert, ist schwer zu sagen. Aber die Folgen werden sich für manche Demonstrationsteilnehmer als fatal erweisen.

Eine Demonstration schlägt um

Ein Teil von ihnen betritt die vierspurige Schnellstraße und bringt den Verkehr zum Erliegen. Rund 150 Leute schließen sich ihnen an, der Rest zerstreut sich. Der Weg führt zur Auffahrtrampe des 405 Freeway, einer der meistbefahrenen Stadtautobahnen von Los Angeles County. Unter den Augen eines Dutzends auf einem Dach versammelter Soldaten beginnt eine kleine Gruppe, die Rampe zu blockieren, während sich zwischen 20 und 30 Demonstranten samt Transparent auf den Weg hinauf zum Freeway machen. Es dauert keine zehn Minuten, bis sich am Wilshire Boulevard eine dunkelblaue Wand aus Polizistenleibern gebildet hat, die sich über die gesamte Fahrbahn zieht. Fünf Minuten später beginnt sich die Wand Richtung On-Ramp zu bewegen. Die die Auffahrt blockierenden Demonstranten erkennen schnell den Ernst und die Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Sie kreuzen entweder die Straße oder laufen weiter in Richtung der Kreuzung Wilshire und Sepulveda Boulevard. Dort angekommen, erwartet sie eine böse Überraschung. Während über dem Geschehen jetzt ein Armee-Hubschrauber kreist, bringt das LAPD eine Art Einkesselungstaktik zur Anwendung.

Was zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht schlimm wäre - würden diejenigen, die es bis hinauf zur Stadtautobahn geschafft haben, jetzt nicht anfangen, von oben Plastikflaschen und andere Gegenstände auf die Cops unten zu werfen. Binnen gefühlter drei Sekunden schlägt eine bis dahin friedliche Demonstration in eine gewaltsame um.

Schüsse nach allen Seiten

Ein Mädchen und ihr Freund, beide wohl nicht älter als 20 Jahre, die es sich auf einer vom Freeway abfallenden Grasfläche eingerichtet haben, finden plötzlich sechs, sieben acht, neun Gewehre auf sich gerichtet. Sie bekommen Angst und drehen durch. Untermalt von ihren panischen Schreien schießt die Polizei jetzt mit Gummigeschossen wechselweise auf sie und nach oben, von wo die Geschosse kommen - und dann scheinbar mit einem Schlag auf alles, was sie sonst für eine Bedrohung halten.

Nachdem die ersten Getroffenen auch noch wie am Spieß zu schreien anfangen und ein Geschoss direkt neben meinem Torso einschlägt, beschließe ich langsam, aber sicher, den Notausgang zu suchen. Der besteht aus der Veteran Avenue selbst, die so heißt, weil sie an einem der größten Soldatenfriedhöfe von Südkalifornien liegt. Was die Leute oben auf der 405 aufführen, erweist sich als mein wie das Glück einer Handvoll UCLA-Studenten. Weil die Cops derart damit beschäftigt sind, die Lage auf der Rampe in den Griff zu bekommen, schenken sie uns keine Beachtung, als wir in einem geeigneten Moment an ihnen vorbei sprinten und den Kessel hinter uns lassen.

Manche der jungen Männer und Frauen sind von dem Erlebten trotzdem traumatisiert. Obwohl offensichtlich keine Gefahr mehr droht, laufen sie den Weg zurück zum Universitätsgelände, das den scheinbar endlosen Friedhofszaun entlang führt, mit erhobenen Händen.