Wir können unsere Fenster und Handtaschen ersetzen", schreibt Jide Zeitlin an seine Mitarbeiter. "Aber wir können nicht George Floyd, Eric Garner, Trayvon Martin, Emmett Till und all die vielen anderen zurückbringen." Alles Namen von Afroamerikanern, die durch Polizisten ums Leben gekommen waren.

Ein solches Statement würden viele von Menschen vermuten, die weder besonders viele Fenster noch Handtaschen haben. Aber es kommt von niemand Geringerem als dem Vorstand eines Forbes-500-Unternehmens - Zeitlin ist einer von nur vier afroamerikanischen CEOs, die auf dieser Liste vertreten sind. Er ist Chef des Luxuswaren-Unternehmens Tapestry, zu denen ein Taschen- und Schuhe-Imperium gehört (Kate Spade, Coach, Stuart Weitzman). Geschäfte von Tapestry sind landesweit bei den Protesten von New York bis San Francisco demoliert worden. Aber für Zeitlin muss sich die materielle Zerstörung hinter dem eigentlichen Problem anstellen.

Einem "spontanen Einfall" folgend, spazierte der US-Präsident zur nächstgelegenen Kirche. Dazu mussten Demonstranten entfernt werden. Im Hintergrund erkennt man schemenhaft die Polizeiabsperrung. - © reuters/T. Brenner
Einem "spontanen Einfall" folgend, spazierte der US-Präsident zur nächstgelegenen Kirche. Dazu mussten Demonstranten entfernt werden. Im Hintergrund erkennt man schemenhaft die Polizeiabsperrung. - © reuters/T. Brenner

In den USA wird seit dem Tod von George Floyd am 25. Mai täglich gegen Polizeigewalt und Rassismus demonstriert. Viele der Proteste laufen friedlich ab. Vereinzelt kommt es dabei zu Ausschreitungen. Manche Polizisten solidarisieren sich mit den Demonstranten und marschieren mit ihnen mit. Und teilweise kommt es zu Provokationen.

Religiöse Führer verschiedenster Konfessionen halten eine Mahnwache vor der St. John's Cathedral für George Floyd. - © APAweb / AFP
Religiöse Führer verschiedenster Konfessionen halten eine Mahnwache vor der St. John's Cathedral für George Floyd. - © APAweb / AFP

Das wird etwa von solchen Beispielen illustriert: In dem 90.000-Seelen-Vorort Hoover, Alabama, saßen 14 junge Menschen auf einem Rasen und protestierten friedlich. Auf einmal wurden sie von mehr als 50 Polizisten in Schutzausrüstung umzingelt, festgenommen und abgeführt, berichtet der Journalist Ian Hoppe. Es herrscht in den USA also eine Situation, die nach versöhnlichen Worten förmlich schreit, eine Stimmung, die noch nicht gekippt ist, aber jederzeit kippen kann.

Das Militär schirmt das Weiße Haus ab.  - © APAweb / AFP
Das Militär schirmt das Weiße Haus ab.  - © APAweb / AFP

Und wer keinerlei Interesse an versöhnlichen Tönen zu haben scheint, ist niemand Geringerer als der Präsident, Donald Trump selbst. Er ließ sich von Polizisten den Weg zu einer Kirche gegenüber dem Weißen Haus freiräumen - unter massivem Einsatz von Schlagstöcken und einer Tränengas-ähnlichen Substanz (laut Factcheck.org war es Pfefferspray). Dort streckte er für ein Foto eine Bibel in den Himmel.

Für dieses Foto wurden friedliche Demonstranten vor dem Weißen Haus vom Militär weggeschafft: Trotzdem erklärte Trump vor Kameras, er unterstütze den friedlichen Protest. Und drohte mit dem Einsatz von US-Soldaten, sollten die Demonstrationen weiter gewalttätig sein. Zig Soldaten und Militärfahrzeuge wurden bereits nach Washington entsandt.

Militärs distanzieren sich

Der US-Militär James Mattis, der zwei Jahre lang unter Trump als Verteidigungsminister gedient hatte, bis er 2019 wegen Differenzen zu Syrien zurücktrat, verurteilte diese Woche Trumps Verhalten aufs Schärfste: Trump sei der erste Präsident der jüngeren Geschichte, der es nicht einmal versuche, die US-Amerikaner zu einen. Er würde nicht einmal so tun, als ob er es versuchen würde. "Er versucht, uns zu spalten", schreibt Mattis. "Wir sehen nun die Früchte seiner diesbezüglichen Bemühungen der vergangenen drei Jahre", kritisiert Mattis. Sogar Trumps derzeitiger Verteidigungsminister Mark Esper hat sich diese Woche klar gegen einen Einsatz des US-Militärs zum Stopp der Unruhen ausgesprochen. Ex-Präsident George W. Bush, Parteifreund von Trump, ist ebenfalls schneidend auf Distanz gegangen: "Diejenigen, die nun die Stimmen zum Schweigen bringen wollen, verstehen nicht, was Amerika sein soll", erklärte Bush.

Mit seinem Besuch vor der Kirche hat Trump auch die Mehrheit der kirchlichen Führer gegen sich aufgebracht. Die Bischöfin der Episkopalkirche, zu deren Kongregation diese Kirche gehört, empörte sich - wie viele andere auch -, dass die Bibel dazu verwendet werde, um die Unterdrückung der Proteste zu rechtfertigen.

Es mehren sich also die Stimmen in den Lagern der Republikaner, unter den Militärs und unter den Kirchenvertretern, die sich gegen Trumps Führung aussprechen. Eigentlich sind das die Kernwählerschichten von Trump. Sogar der Trump-freundliche Sender Fox News tut sich schwer mit der Berichterstattung. Zuletzt ließ man dort einen Priester zu Wort kommen, der im tiefsten Südstaaten-Slang erklärte, dass Jesus Rassismus verabscheue. Aber Jesus würde auch Vandalismus verabscheuen. Ansonsten bemüht man sich auf Fox News, herauszustreichen, dass auch Joe Biden, der demokratische Herausforderer von Trump bei den Präsidentschaftswahlen im November, in der Vergangenheit Fehler gegenüber Afroamerikanern begangen habe.

Umfragen zufolge sympathisiert eine Mehrheit (laut der Nachrichtenagentur Reuters sind es 64 Prozent) der US-Bürger mit den Protesten. Mehr als 55 Prozent der befragten Amerikaner gaben an, dass sie den Umgang Trumps mit den Protesten missbilligten. Biden führt derzeit in den Umfragen mit einem Vorsprung von 10 Prozentpunkten.