Als vor ein paar Monaten Australien in Flammen stand, stand es auch um Scott Morrison nicht besonders gut. Der konservative Premierminister, der mit seiner Familie noch zu einem Hawaii-Urlaub aufgebrochen war, als schon fast im ganzen Land die Feuerwehren gegen die überall lodernden Brände kämpften, musste sich damals von nahezu allen Kritik für sein wenig empathisches Krisenmanagement gefallen lassen. Abgekämpfte Feuerwehrleute verweigerten Morrison den Handschlag und bei seinen Besuchen in besonders von den Bränden betroffenen Orten wurde der Premier von den wütenden Bewohner regelrecht davongejagt.

Doch mittlerweile scheint das alles schon weit weg und lange her. Und Morrison steht auf einmal so gut da wie schon lange kein australischer Premier vor ihm. Bei einer Ende April durchgeführten Umfrage kam der 52-Jährige auf Zustimmungswerte von 68 Prozent. Verantwortlich für diesen Umschwung dürfte vor allem sein, wie die Regierung in Canberra mit der Corona-Epidemie umgegangen ist. So hatte sich Morrison nach anfänglichem Zögern doch stark an den Empfehlungen der Wissenschafter orientiert und ebenso entschiedene wie umfangreiche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus beschlossen. Damit gelang es nicht nur, die Zahl der Corona-Infizierten auf knapp 7300 zu beschränken. Mit bisher 102 Toten ist auch die Rate der Verstorbenen im internationalen Vergleich außergewöhnlich niedrig.


Der Trend weist zudem schon seit langem nach unten. So liegt der letzte Corona-Todesfall mittlerweile mehr als eine Woche zurück und auch bei den Neuinfektionen gibt es einen neuen Tiefstand. Im Durchschnitt der vergangenen zwei Wochen steckten sich pro Tag weniger als zehn Australier mit dem Virus an.

Für die australische Regierung scheint damit auf einmal etwas in Reichweite gerückt, das nach Ansicht vieler Australier ohnehin das insgeheime Ziel der strengen und erst vergleichsweise spät gelockerten Maßnahmen war: die vollkommene Auslöschung des Virus auf australischem Boden.

Grenzen bleiben lange zu

Dass es mit klugem Krisenmanagement möglich ist, die Ansteckungsrate nicht nur niedrig zu halten, sondern auf null zu drücken, hat Australiens Nachbarland bereits bewiesen. Nachdem der letzte neuseeländische Corona-Patient 48 Stunden lang keine Symptome mehr gezeigt hat, erklärte Premierministerin Jacinda Ardern ihr Land am Montag als Coronavirus-frei. Mit der Aufhebung aller Beschränkungen habe Neuseeland jetzt einen Vorsprung bei der wirtschaftlichen Erholung, sagte die sichtlich gelöste Regierungschefin bei ihrer Pressekonferenz. Funktionieren kann die Strategie der coronafreien Zone allerdings nur unter gewissen Voraussetzungen. Denn wenn neue Fälle von außen eingeschleppt werden, könnten alle bisherigen Erfolge auch wieder rasch zunichtegemacht werden. Dass sie eine auf dem Importweg ins Land gebrachte zweite Welle um jeden Preis verhindern wollen, haben die australische und neuseeländische Regierung dementsprechend auch schon deutlich gemacht. So hat Ardern am Montag zwar die Aufhebung der letzten verbliebenen Corona-Beschränkung in Neuseeland verkündet, die überaus strikten Einreisesperren bleiben allerdings unangetastet. Morrison hatte bereits vor eine Woche erklärt, dass die australischen Grenzen nicht in absehbarer Zeit geöffnet werden sollen.

Derzeit scheint es nicht einmal ausgeschlossen, dass die strikte Abschottungspolitik so lange aufrecht bleibt, bis ein Corona-Impfstoff oder zumindest ein einigermaßen zuverlässiges Heilmittel gefunden wird.

Einwanderer treiben Konsum

Falls die Grenzen tatsächlich so lange geschlossen bleiben, würde zwar die für den Tourismus extrem wichtige Reisesaison im europäischen Winter wegfallen, doch zumindest ein Teil der Verluste könnte wohl durch Binnentourismus und die geplante gemeinsame australisch-neuseeländische Reisezone wettgemacht werden. Vor allem für die australische Wirtschaft, die nach dem Boom nun in der Rezession gelandet ist, dürften die nächsten Monate dennoch herausfordernd sein. Denn neben Rohstoffexporten haben zuletzt vor allem die Konsumausgaben von Einwanderern die Konjunktur angetrieben.