Pjöngjang/Seoul. Es war ein Neubau, ein architektonisch modern gestaltetes Gebäude mit einer Glasfront – das innerkoreanische Verbindungsbüro. In der nordkoreanischen Grenzstadt Kaesong gelegen, symbolisierte seine Eröffnung im Jahr 2018 die Entspannung zwischen den beiden verfeindeten koreanischen Staaten, den möglichen Aufbruch in eine neue Ära. Das Büro diente seither als wichtiger Kommunikationskanal zwischen dem kommunistischen Norden und dem demokratisch-marktwirtschaftlichen Süden.

 

"Widerlicher Pöbel"

Doch nun gibt es in Kaesong kein Verbindungsbüro mehr. Am frühen Dienstagnachmittag (Ortszeit) stieg dort, wo einst das Büro seinen Sitz hatte, Rauch auf. Nordkorea hatte seine Drohung wahr gemacht und das Gebäude um 14.15 Uhr gesprengt.
In nordkoreanischen Staatsmedien hieß es, die Sprengung zeuge von der Wut, die die Nordkoreaner empfänden – eine Anspielung auf Aktionen südkoreanischer Aktivisten, darunter auch Flüchtlinge aus dem Norden. Diese hatten Ende Mai an der innerkoreanischen Grenze mit riesigen Heißluftballons Flugblätter Richtung Nordkorea geschickt.

Was genau sich an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea abspielt, ist noch nicht klar. - © APAweb / reuters,
Was genau sich an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea abspielt, ist noch nicht klar. - © APAweb / reuters,

Eine Aktion, die in dem abgeschotteten, stalinistischen Land gar nicht gut ankam: Nordkoreas Medien sprachen von "widerlichem Pöbel", der sich feindselig gegenüber Pjöngjang verhalten und die Würde von Machthaber Kim Jong-un verletzt habe. In Nordkorea ist das ein Sakrileg: "Was die Würde der obersten Führung betrifft, kann es weder Pardon noch eine Chance geben", meldeten die Staatsmedien.

Hunger in Nordkorea

Die Sprengung war nach Ansicht der nordkoreanischen Führung offenbar die passende Antwort. Das Ziel Pjöngjang sei es gewesen, "menschlichen Abschaum und solche, die dem Abschaum Schutz bieten, für ihre Verbrechen zahlen" zu lassen.
Dass Südkorea selbst mit den Aktivisten nicht glücklich war, ja sie zeitweilig stoppte, konnte die Wut der Nordkoreaner nicht bremsen – zumal die Aktivisten vergangene Woche erklärten, trotz des Verbots ihre Aktionen fortzusetzen. Außerdem wollten die "Kämpfer für ein freies Nordkorea", wie sie sich nennen, hunderte Flaschen nahe der Grenze ins Meer werfen und diese mit Reis, Medikamenten und Gesichtsmasken füllen.

Denn die Corona-Zeiten dürften auch im abgeschotteten Nordkorea harte sein. Der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in Nordkorea, Tomas Ojea Quintana, berichtete vor einer Woche von Hunger im Land. Schon vor der Pandemie waren mehr als 40 Prozent der Bevölkerung von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Jetzt, nach der Schließung der Grenze zu China, hat sich die Situation noch verschärft. Der Handel mit China, so Quintana, sei um mehr als 90 Prozent eingebrochen. Laut Berichten seien die Preise für Medikamente in die Höhe geschossen, in den Großstädten habe die Obdachlosigkeit zugenommen.
Das Regime reagiert auf diese Situation mit gesteigerter Aggressivität nach Außen. Ein weiterer Grund für Nordkoreas Verhalten dürfte die Verschlechterung des Verhältnisses zu den USA sein, die man in Pjöngjang laut beklagt. Die Nuklearverhandlungen liegen seit langem auf Eis. Machthaber Kim Jong-un könnte versuchen, die USA nach bekanntem Muster unter Druck zu setzen.

Ehrgeizige Schwester

Im Fall des Verbindungsbüros war es übrigens nicht Kim selbst, der dem Süden drohte. Sondern seine jüngere Schwester Kim Yo-jong. Die vermutlich knapp über Dreißigjährige gilt als ehrgeizig, sie berät ihren Bruder und orchestriert – als oberste Propagandaverantwortliche Nordkoreas – dessen Medienauftritte. Sie hatte Südkorea am Sonntag nicht nur die Sprengung des Gebäudes angedroht, sondern auch eine mögliche Militäraktion.
Davon sprach auch die nordkoreanische Armee, die damit drohte, entmilitarisierte Zonen an der Grenze wieder mit Soldaten zu besetzen. Die Armee könne wieder in Zonen vorstoßen, die unter dem Abkommen zwischen den beiden Ländern entmilitarisiert worden seien, wurde der Generalstab von den staatlichen Medien zitiert. Das Vorgehen Pjöngjangs provozierte eine erste deutliche Warnung Südkoreas. "Falls Nordkorea weitere Schritte unternimmt, um die Situation zu verschärfen, werden wir strikt darauf reagieren", erklärte das Präsidialamt in Seoul.(apa,dpa,afp,reuters)