Es sind zwar moderne Nuklearmächte, die sich in der Grenzregion Ladakh im Himalaja gegenüberstehen, doch die jüngsten Kämpfe zwischen chinesischen und indischen Einheiten muten archaisch an: Soldaten gingen mit Fäusten, Knüppeln und Steinen aufeinander los, mindestens 20 indische Milizionäre erlagen ihren schweren Verwundungen. Zu Schusswechseln kam es in der Nacht von Montag auf Dienstag nicht, es handelte sich um eine Massenschlägerei. Die involvierten Soldaten waren in einer Höhe von über 4000 Metern Temperaturen von unter Null Grad ausgesetzt, medizinische Hilfe gab es kaum. Auch auf chinesischer Seite soll es Todesopfer gegeben haben, berichten staatlich gelenkte chinesische Medien.

Trauriger Höhepunkt

Es ist der erste tödliche Zwischenfall seit mehr als 50 Jahren an einer umstrittenen Grenzlinie zwischen Indien und China. Man stehe hier "Auge an Auge" zu den chinesischen Wachsoldaten, das habe letztlich zu der Eskalation geführt, so ein indischer Militärexperte.

Unmittelbarer Anlass für die Schlägerei dürfte ein Zelt gewesen sein, das chinesische Soldaten in der Pufferzone errichtet hatten - was auf indischer Seite nicht toleriert wurde. Die Inder versuchten, das Problem friedlich aus der Welt zu schaffen und entsandten eine Abordnung zu den Chinesen. Die Situation geriet dann aber völlig aus dem Ruder.

Für Indien ist klar, dass China die Schuld an dem Getümmel trägt: Die Volksrepublik wolle den Grenzverlauf ändern. Peking dementiert und spricht seinerseits von einer Provokation Neu-Delhis. Indische Soldaten hätten die Grenze überschritten und "illegale Aktionen" durchgeführt, heißt es hier.

Truppen in Bewegung

Wo genau in Ladakh die Grenze zwischen den beiden Großmächten verläuft, ist nicht geklärt. China beansprucht auf indischer Seite ein Gebiet, das etwa so groß wie Österreich ist. Seit Jahrzehnten stehen sich tausende Soldaten auf beiden Seiten gegenüber. Zuletzt hat der Bau einer Straße auf indischer Seite für böses Blut gesorgt: Peking wirft Neu Delphi vor, den Verkehrsweg ausschließlich als Route für militärischen Nachschub nutzen zu wollen. In der Tat werden seit diesem Mai auf beiden Seiten der Grenze verstärkte Truppenbewegungen beobachtet. Die USA haben angeboten, zwischen beiden Parteien vermitteln zu wollen - das wurde aber abgelehnt.

Die Spannungen verschärft hat eine Entscheidung Indiens, die vor allem von Buddhisten bewohnte Region Ladakh von dem übrigen, mehrheitlich muslimischen Jammu und von Kaschmir abzutrennen und zu einem eigenen Bundesgebiet zu erklären, um die Kontrolle zu verstärken. China hat dagegen scharf protestiert und von einer "Untergrabung" seiner territorialen Integrität gesprochen.

Jetzt ist man in China und Indien um Deeskalation bemüht. Man wolle keine weiteren Zusammenstöße, hieß es aus Peking. Auch Neu Delhi möchte verhindern, dass sich der Konflikt ausweitet und wählt seine Worte mit Bedacht.

Die Beziehungen zwischen China und Indien sind seit Jahrzehnten von Rivalitäten geprägt. Treffen auch auf allerhöchster Ebene haben das nicht ändern können. Gegenstand der Streitigkeiten ist stets der gemeinsame Grenzverlauf - ein Konflikt, der in regelmäßigen Abständen eskaliert. So protestiert China immer wieder gegen indische Drohneneinsätze. Im April 2013 stießen chinesische Soldaten tief nach Ladakh vor, indische Streitkräfte gingen schwer bewaffnet in Stellung, nur 300 Meter trennten die Kontrahenten. Eine blutige Konfrontation konnte in letzter Sekunde vermieden werden.

Krieg ohne Friedensschluss

Indien und China teilen sich einen gemeinsamen Grenzverlauf, der sich über 3500 Kilometer erstreckt. 1962 führten Gebietsansprüche zu einem Krieg. Chinesische Truppen überschritten die Grenze und wurden von indischen Streitkräften aufgehalten. Die Chinesen stießen allerdings unbemerkt an einer anderen Stelle vor und konnten den Gegner vollständig überrumpeln. Die Kämpfe forderten 2000 Tote.

Der chinesische Sieg änderte allerdings an der Grenzziehung nicht viel, es gibt bis heute eine provisorische "line of control", also eine Waffenstillstandslinie.

Zu diesem Streit kommen weitere ungelöste Konfliktpunkte hinzu, etwa Hoheitsansprüche im Indischen Ozean. Chinas wachsender Einfluss in Südasien bereitet Neu Delhi seit langem Sorgen, Peking missfällt die indisch-amerikanische Zusammenarbeit in Fragen der Nuklearenergie.

Nur auf wirtschaftlicher Ebene gehen Neu Delhi und Peking zumindest fallweise im Gleichschritt. Etwa, dann wenn es um den Handelkrieg des US-Präsidenten Donald Trump gegen China geht. Hier ist auch Indien mit betroffen.

Ein neuer Krieg zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Großmächten wäre eine Katastrophe - ist derzeit aber nicht zu befürchten.