Im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten - Eritrea, Somalia oder dem Südsudan - ist Äthiopien politisch relativ stabil. Für seine radikalen Reformen wurde Premier Abiy Ahmed weltweit gefeiert, 2019 erhielt er sogar den Friedensnobelpreis. Doch gibt es landesintern noch immer genügend Konfliktpotenzial, wie auch die jüngsten Unruhen zeigen.

Mit seinen fast 110 Millionen Einwohnern ist das ostafrikanische Welt der bevölkerungsreichste Binnenstaat der Welt. Die Regierung in Addis Abeba hält rund 100 verschiedene Nationalitäten und Ethnien mit fast ebenso vielen Sprachen zusammen. Neben der Landessprache Amharisch - 28 Prozent der Äthiopier sind Amhara - gibt es mehr als 70 anerkannte Regionalsprachen.

Mit 35 Prozent sind die Oromo zwar die größte Ethnie, sie fühlen sich jedoch gegenüber den politisch starken Tigray - sie machen nur sieben Prozent der Bevölkerung aus - seit langem benachteiligt. So kam es etwa 2015 und 2016 zu den größten regierungskritischen Protesten seit 25 Jahren, bei denen über 900 Menschen starben.

Abiy seit 2018 an der Macht

2018 führten die anhaltenden Proteste schließlich zum Rücktritt der autoritären Regierung von Hailemariam Desalegn. Wenig später wurde der frühere Oberstleutnant Abiy als erste Politiker der Oromo ins Amt des Regierungschefs gewählt. Abiy, dessen Vater Oromo und Muslim, bzw. seine Mutter Amharin und Christin ist, galt als Hoffnungsträger schlechthin für die Befriedung der ethnischen Konflikte.

Mehr als zwei Jahre nach seinem Amtsantritt fühlen sich nun Tigray, aber auch Bewohner der Region Oromia, die mehrheitlich vom Oromia-Stamm besiedelt ist, nach wie vor diskriminiert. Einer, der die Benachteiligung immer wieder anprangerte, war der vor einer Woche ermordete, landesweit bekannte Musiker Hachalu Hundessa - die "Stimme der Oromo" in Äthiopien. Dabei übte er auch scharfe Kritik an dem Regierungschef. "Wir sind nicht frei - nur jetzt sind es Oromo, die Oromo unterdrücken. Das muss betont werden: Abiy Ahmed hat die Fragen der Oromo nicht in einem einzigen Punkt beantwortet, er hat unsere Interessen nicht verteidigt. Er ist gar kein richtiger Oromo", sagte er kurz vor seinem Tod.

Interne und externe Kräfte

Für die Proteste, die das ostafrikanische Land seit dem Mord an Hachalu erschüttern, macht Abiy "interne und externe Kräfte" verantwortlich. Er spricht von koordinierten, orchestrierten Versuchen zur Destabilisierung seines Landes. Der Regierungschef spielte dabei auf den Konflikt mit den Nachbarländern Ägypten und Sudan über ein geplantes Staudamm-Projekt an. Ägypten bestreitet aber jegliche Verwicklung in die Unruhen in Äthiopien, wie ein ägyptischer Diplomat laut der Zeitung "Al Ahram" erklärte.

Staudamm als Riesenprojekt

Der künftig größte Staudamm Afrikas (Grand Ethiopian Renaissance Dam/GERD) wird von Äthiopien auf dem Blauen Nil erbaut und soll das Land mit Strom versorgen, allerdings sorgen sich das flussabwärts gelegene Ägypten, aber auch der Sudan, um seine Wasserversorgung. Addis Abeba will noch im Juli beginnen, den Stausee zu füllen - mit oder ohne Einigung mit den Regionalnachbarn. Die Afrikanische Union (AU) versucht zwischen den Ländern zu vermitteln; zudem hat Ägypten den UNO-Sicherheitsrat eingeschaltet.

Ob Staudamm oder ethnische Konflikte - Abiy steht jedenfalls zunehmend unter Druck. Für seine Bemühungen um eine Aussöhnung mit dem Nachbarland Eritrea und seine Reformen im Land selbst wurde Abiy im vergangenen Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die ethnischen Spannungen in seinem Land stiegen während seiner Amtszeit allerdings wieder an und Menschenrechtsorganisationen berichten zunehmend von Einschränkungen der Demokratie und teils massiven Menschenrechtsverletzungen. (apa)