Die Corona-Pandemie macht zahllose Errungenschaften zunichte und "bombt" die Menschheit gleichsam zurück in die Vergangenheit: Die UNO schlägt in ihrem jüngsten Bericht Alarm und sieht massive Rückschritte in den Bereichen Armutsbekämpfung, Gesundheitswesen und Bildung. "Wegen Covid-19 bedroht eine nie gesehene Gesundheits-, Wirtschafts- und Gesellschaftskrise Leben und Existenzgrundlagen", warnt UN-Generalsekretär António Guterres.

In dem UN-Text zu 17 vereinbarten Nachhaltigkeitszielen heißt es, dass 71 Millionen Menschen in diesem Jahr wieder in Armut zurückfallen werden. Auch bei der Kinderarbeit wird es erstmals seit Jahrzehnten wieder einen Anstieg geben. Die UN sagen zudem weltweit Hunderttausende Tote durch Probleme bei Gesundheits- und Impfversorgung voraus. Überproportional oft seien weltweit Arme, Menschen mit Behinderungen und häufig auch Frauen von der Corona-Krise betroffen.

Mehr als eine Milliarde Menschen in Slums würden die Krise wegen fehlenden Wasseranschlüssen daheim, wegen geteilter Toiletten und überfülltem öffentlichen Verkehrsmitteln besonders spüren. Schulschließungen hätten 90 Prozent aller Schüler weltweit betroffen, rund 1,57 Milliarden Kinder und Jugendliche. 370 Millionen davon haben deshalb auch für sie lebensnotwendiges Schulessen verpasst.

Infektionszahlen gehen steil nach oben

Unterdessen steigen die Infektionszahlen teils dramatisch an, betroffen sind vor allem Nord- und Südamerika. Brasilien bestätigte in den letzten 24 Stunden 45.305 neue Coronavirus-Fälle und 1254 weitere Todesfälle. Das lateinamerikanische Land verzeichnet offiziellen Daten zufolge bisher insgesamt 1.668.589 Infektionen und 66.741 Todesopfer, die auf das Virus zurückzuführen sind.

Prominentester Infizierter ist niemand geringerer als der rechtsgerichtete brasilianische Präsident Jair Bolsonaro. Er fühle sich bei "guter Gesundheit", versicherte er vor Journalisten. Zuvor hatte er Fieber und Gliederschmerzen gehabt.

Die brasilianische Regierung hat die Pandemie von Anfang an heruntergespielt. Bolsonaro selbst bezeichnete die Lungenkrankheit immer wieder als "leichte Grippe" und stemmte sich gegen Schutzmaßnahmen. Er zeigte er sich häufig ohne Mundschutz in der Öffentlichkeit, löste Massenaufläufe aus und machte Selfies mit Anhängern.

In den Vereinigten Staaten ist die Zahl der Neuinfektionen seit Mitte Juni infolge der Lockerung der Auflagen ebenfalls massiv angestiegen. Seit einer Woche melden US-Behörden im Schnitt rund 50.000 Neuinfektionen pro Tag, vor allem aus den Bundesstaaten Florida, Texas, Georgia, Arizona und Kalifornien. Ohne entschlossenes Gegensteuern könnte die Zahl der Neuinfektionen pro Tag sogar auf 100.000 steigen.

Internationale Zusammenarbeit zur Lösung der Krise ist für Washington indes nicht das Mittel der Wahl. Die USA haben die UNO am Dienstag offiziell vom Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation WHO in Kenntnis gesetzt. Die Ankündigung würde am 6. Juli 2021 wirksam werden. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden kündigte für den Fall seines Siegs im November eine sofortige Rückkehr zur WHO an.

Unterdessen steigen die Infektionszahlen vor allem in Israel massiv an, aber auch in Europa ist die Lage prekär. In Serbien ist es aus Protest gegen geplante Covid-Ausgangssperren zu heftigen Ausschreitungen gekommen. Tausende Demonstranten gingen auf die Straßen, Gewalttäter warfen in Belgrad Steine auf Polizisten und feuerten Leuchtraketen ab, wie Fernsehbilder am Dienstag Abend zeigten. Eine Gruppe Demonstranten stürmte das Parlamentsgebäude. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Ausgangsbeschränkungen zurückgenommen

Von Freitag bis Sonntag sollen strenge Ausgangsbeschränkungen in Kraft sein, hatte Präsident Aleksandar Vucic vorher angekündigt. Die Demonstranten forderten Vucic in Sprechchören zum Rücktritt auf. Als Reaktion sagte Vucic die Beschränkungen wieder ab. In der Nacht auf Donnerstag kam es trotzdem erneut zu Ausschreitungen. Derzeit ist unklar, wie die serbische Regierung weiter vorgehen wird.

Die Partei des Präsidenten hatte Parlamentswahlen am 21. Juni klar gewonnen. Vor den Wahlen waren die Corona-Restriktionen weitgehend aufgehoben worden, es fanden Sportveranstaltungen mit tausenden Zuschauern statt. Zuletzt erreichte die Zahl der neuen Todesfälle durch die Coronavirus-Infektion einen Rekordstand. Kurz vor Ankündigung der Ausgangssperre wurden 13 Todesfälle binnen 24 Stunden verzeichnet - so viele wie noch nie seit Beginn der Ausbreitung des neuartigen Virus in Serbien.

Nach Angaben des Staatschefs werden derzeit fast 4000 Corona-Patienten in Krankenhäusern behandelt. "Niemand kann diese Zahlen aushalten", sagte Vucic. "Wir wollen nicht unsere Ärzte töten." Insgesamt sind in Serbien bis dato 330 Menschen an Covid-19 gestorben.

Schon vergangene Woche hatte die Regierung in mehreren Städten verschiedene Corona-Einschränkungen wieder eingeführt. Besonders schwierig ist die Lage in der südwestserbischen Stadt Novi Pazar. Dort klagten verschiedene Krankenhäuser über einen massiven Patientenandrang und einen Mangel an medizinischer Ausrüstung. (red)