Noch nie wurde so viel Regenwald in Brasilien gerodet wie in der ersten Hälfte dieses Jahres  -  mit Billigung der Regierung. Seit 13 Jahren gab es nicht mehr so viele Waldbrände im Amazonas wie vergangenen Monat. Entsetzt beobachtet die Welt, wie der größte Wald der Erde vernichtet wird, mit fatalen Folgen für das Klima.

Die internationalen Proteste ließen den rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro bisher kalt. Doch nun scheint die Regierung einzulenken - auf Druck der Investoren.

Die Abholzung und die Brände müssten "auf ein akzeptables Minimum" reduziert werden, verspricht Vize-Präsident Hamilton Mourao. Angesichts der bisherigen Rhetorik kommt die Ankündigung einer Kehrtwende gleich. Als Frankreich und Irland vergangenes Jahr drohten, das Handelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten platzen zu lassen, sollte sich Brasilien nicht zum Schutz des Amazonas verpflichten, sprach Bolsonaro noch von einem "kolonialistischen Komplott".

Drohung scheint zu wirken

Nun sind es nicht andere Regierungen, die Druck auf Brasilien ausüben, sondern Investoren. "Das ändert die Lage", sagt Andre Perfeito von der Beratungsfirma Necton Consultants. Ende Juni drängten Investmentfonds aus Europa, Asien und Südamerika, die zusammen ein Vermögen von fast vier Billionen Dollar (3,5 Billionen Euro) verwalten, Bolsonaro in einem offenen Brief, die Zerstörung des Regenwaldes zu stoppen. Andernfalls würden sie ihr Geld aus Brasilien abziehen.

Diese Drohung scheint zu wirken. Vergangene Woche verhandelten die Investoren in einer Videokonferenz mit der Regierung. "Sie wollen Ergebnisse sehen, eine Reduzierung der Abholzung", sagte Mourao nach dem Gespräch. Schöne Worte reichten nicht, räumte der Vize-Präsident ein.

Brasilien ist auf das Geld aus dem Ausland angewiesen, um die durch die Corona-Pandemie darniederliegende Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. "Die ausländischen Investitionen sind für viele Bereiche wichtig, vor allem für die Infrastruktur und die Wasseraufbereitung", sagt Rubens Barbosa, der ehemalige brasilianische Botschafter in den Vereinigten Staaten, der nun ein Institut für internationale Beziehungen und Außenhandel leitet.

Werde der Klimawandel nicht gestoppt, könnte das "viel schwerwiegendere Folgen haben als die Pandemie", heißt es in einem offenen Brief, den mehrere ehemalige Finanzminister und Ex-Präsidenten der brasilianischen Zentralbank unterzeichneten.

Auch Landwirtschaftsministerin Tereza Cristina schlägt einen moderaten Ton an. Brasilien brauche den Amazonas nicht abzuholzen, um sein riesiges landwirtschaftliches Potenzial zu entwickeln, sagte sie kürzlich. Cristina steht eindeutig auf der Seite der Agrarindustrie. Doch sie weiß auch, dass das Agrarbusiness von Exporten abhängt.

Und immer mehr Abnehmer zögern, Produkte zu kaufen, für die Regenwald zerstört wurde. Ein Fünftel der Rindfleisch- und Sojabohnenexporte in die EU sei auf illegal gerodetem Land produziert worden, berichtete die Zeitschrift "Science" am Donnerstag.

"Rhetorik genügt nicht"

"Das Wichtigste, um nach außen wieder glaubwürdig zu werden, ist, Ergebnisse zu präsentieren. Rhetorik genügt nicht", sagt Barbosa. Brasilien hat das Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur unterzeichnet, das auch ein Kapitel über nachhaltige Entwicklung enthält. Für den Ex-Botschafter heißt das: "Die Regierung Bolsonaro muss zeigen, dass sie das Abkommen auch erfüllt."

Umweltschützer jedoch machen sich keine Illusionen, dass die Regierung wirklich den Kurs Richtung Klimaschutz einschlägt. "Wie sehen die Pläne konkret aus? Was gibt es für ein Budget dafür?", fragt Marco Astrini, Leiter der Klimaschutzorganisation Observatório do Clima. "Abgesehen von schönen Worten sehe ich nicht das geringste Anzeichen, dass sich die Politik wirklich ändert."